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Arzneimittelreport
Krankenkasse warnt vor Arzneimittel-Mix

Berlin/Saarbrücken. Laut Stiftung Patientenschutz führen Fehler bei der Medikation zu 50 000 Todesfällen im Jahr.

Die Barmer-Krankenkasse hat vor den Gefahren von Arzneimittelcocktails gewarnt. Das Risiko gefährlicher Wechselwirkungen steige, je mehr Medikamente ein Patient einnehme, heißt es in dem gestern in Berlin vorgestellten Arzneimittelreport 2018. Demnach hat 2016 jeder fünfte Bundesbürger fünf oder mehr Arzneimittel gleichzeitig eingenommen. Teil des Problems sei die Unübersichtlichkeit möglicher Varian­ten bei der Arzneimitteltherapie, sagte der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Christoph Straub. Ohne Hilfe sei es für Ärzte kaum noch möglich, den Überblick zu bewahren.

Deshalb hat die Barmer jetzt eine digitale Versorgungsplattform für Ärzte entwickelt, in der alle Verordnungen erfasst werden. Damit sollten vermeidbare Risiken bei Arzneimitteltherapien besser erkannt werden, hieß es. In Deutschland gibt es den Angaben zufolge mehr als 20 Millionen sogenannte Polypharmazie-Patienten, also Menschen, die gleichzeitig mehrere Medikamente einnehmen.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Patientenschutz müssen jährlich rund 250 000 Menschen wegen Medikationsfehlern ins Krankenhaus. Dies führe zu rund 50 000 Todesfällen. Stiftungsvorstand Eugen Brysch appellierte deshalb in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ an die Hausärzte, beim Verschreiben mehrerer Medikamente besonders vorsichtig zu sein.



Laut Arzneimittelreport verschrieben Hausärzte 2016 im Durchschnitt 60 Arzneimittelwirkstoffe regelmäßig, also mindestens einmal im Quartal, und weitere 100 zumindest einmal pro Jahr. Bei der Barmer mit ihren mehr als 8,5 Millionen Versicherten seien 1860 Arzneimittelwirkstoffe eingesetzt worden. Dabei ergaben sich 454 012 Kombinationen von zwei Arzneimittelwirkstoffen. Kein Arzt könne die Risiken derartig vieler Arzneimittelkombinationen ohne Hilfsmittel korrekt einschätzen, sagte der Autor des Arzneimittelreports und Saarbrücker Chefarzt, Daniel Grandt.

Jeder vierte Barmer-Versicherte ab 65 Jahren erhielt dem Report zufolge 2016 ein von Experten nicht für diese Altersgruppe empfohlenes Arzneimittel (25,9 Prozent). Als Beispiel nannte Straub Methotrexat, einen Arzneistoff für die Krebs- und Rheumatherapie. Mehr als 1400 Barmer-Versicherte hätten das Mittel erhalten, obwohl es bei diesen Patienten wegen gleichzeitig stark eingeschränkter Nierenfunktion nicht eingesetzt werden durfte.

Zudem verweist der Report auf einen Anstieg der Arzneimittelausgaben im vergangenen Jahr: um vier Prozent pro Versicherten im Vergleich zum Vorjahr. Hauptursache (etwa 85 Prozent) waren die gestiegenen Kosten bei Mitteln zur Krebsbekämpfung und nur zum geringen Teil die zahlenmäßige Steigerung der verordneten Arzneimittel. „Leider sind höhere Preise onkologischer Arzneimittel nicht gleichbedeutend mit einer größeren Chance auf Heilung oder längeres Überleben“, sagte Professor Grandt.

(epd)