| 22:13 Uhr

Interview Rita Waschbüsch
„Kirche muss lernen zu verdeutlichen, was sie eigentlich will“

Rita Waschbüsch war von 1988 bis 1997 Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
Rita Waschbüsch war von 1988 bis 1997 Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. FOTO: Peter Salm /Donum Vitae
Saarbrücken. Die Katholikin und Bundesvorsitzende der Schwangerenberatung Donum Vitae sieht die Enzyklika „Humanae vitae“ in Teilen sehr kritisch. Von Gerrit Dauelsberg

Papst Paul VI. hat das Verbot künstlicher Empfängnisverhütung gegen den Rat der von ihm eingesetzten Experten beschlossen, betont Rita Waschbüsch (78). Die Bundesvorsitzende von Donum Vitae hält diese Entscheidung auch 50 Jahre später für verhängnisvoll.

Frau Waschbüsch, was halten Sie von der Enzyklika „Humanae Vitae“?

WASCHBÜSCH Sie hat große Unruhe ausgelöst. Dabei war sie in der Sache gut gemeint. Der Papst meinte, mit ihr der Würde der Sexualität zwischen Mann und Frau am besten gerecht zu werden. Aber die Enzyklika war insofern irritierend, weil sie die wissenschaftlichen Ratschläge nicht angemessen berücksichtigte. In der Frage der Verhütungsmethoden und der Familienplanung entschied der Papst gegen das Mehrheits-Votum der von ihm selbst eingesetzten Experten-Gruppe. Das betrifft aber nur einen kleinen Teil der Enzyklika.



Worum geht es im größeren Teil?

WASCHBÜSCH In ihrem Hauptteil war die Enzyklika ein Loblied auf das Geschenk der Sexualität. Doch der Teil über künstliche oder natürliche Methoden der Verhütung hat alles andere überdeckt. Ich hielt diese Entscheidung damals und ich halte sie auch heute noch für verhängnisvoll, weil sie zu einem Vertrauensverlust geführt hat.

Inwieweit halten sich Katholiken an die Vorgaben zur Verhütung?

WASCHBÜSCH Schon damals war es ja weltweit nur eine Minderheit, die die Entscheidung für richtig hielt. Das ist heute nicht anders.

Also halten sich die meisten Katholiken nicht daran?

WASCHBÜSCH Ja, das ist so der Eindruck.

Ist das Verbot von Kondomen nicht auch hoch problematisch, wenn man zum Beispiel auf die Verbreitung von Aids in Afrika blickt?

WASCHBÜSCH Gerade in den Entwicklungsländern ist die Haltung dazu sehr unterschiedlich. Kirchliche Stellen sind da zum Teil relativ offen. Die Königsteiner Erklärung der deutschen Bischofskonferenz hat schon im Jahre 1968 gesagt: Die Katholiken sollen sorgfältig prüfen, was der Papst und die Kirche zu den Methoden der Verhütung gesagt haben, und ihre Gewissensentscheidung dann treffen.

Der Kirche wird ja oft nachgesagt, sie wirke weltfremd und aus der Zeit gefallen. Wäre es vor diesem Hintergrund nicht gerade wichtig, dieses strikte Verbot künstlicher Verhütung zu überdenken?

WASCHBÜSCH Kirche hat grundsätzlich nicht danach zu fragen, ob etwas gerade zeitgemäß ist oder nicht. Aber in dieser Frage denke ich schon, dass ein klärendes Wort darüber wichtig wäre, was Kirche meint: Denn sie meint ja Positives. Der heutige Papst und auch Paul VI. plädieren ja für eine Sexualität, die aus der Liebe heraus kommt. Das heißt, Menschen dürfen nicht benutzt werden, und sie sollen verantwortlich und partnerschaftlich miteinander umgehen. Das gehört in den Mittelpunkt der kirchlichen Verkündigung. Kirche muss lernen zu verdeutlichen, was sie eigentlich will. Dass es ihr um Wert und Würde der Sexualität geht. Und da ist die Frage der Methode, wie man Familie plant, zweitrangig. Die Familie muss zwar offen sein für Kinder, aber nicht in jedem Vollzug.

Das Gespräch führte
Gerrit Dauelsberg