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Porträt der Woche
Eine Psychologin macht Posieren zur Therapie

 Rina Bambina posiert am Strand von Malibu in einem Ballkleid aus den 50er Jahren. Ihre Kleider leiht sie sich meist von lokalen Designern.
Rina Bambina posiert am Strand von Malibu in einem Ballkleid aus den 50er Jahren. Ihre Kleider leiht sie sich meist von lokalen Designern. FOTO: Rush Varela
Quierschied. Katharina Stenger verhilft in der Rolle als Vintage-Model mit der Kamera Menschen zu mehr Selbstbewusstsein. Von Nina Drokur

„Freiheit“, sagt Katharina Stenger. Die promovierte Psychologin hat einen Fotoapparat in der Hand und gibt der Frau vor der Linse Anweisungen. Die wirft die Arme weit auseinander. Auf dem alten Holzboden des Studios 21 in Saarbrücken kann sie sich auf Socken mit Leichtigkeit um ihre eigene Achse drehen. Strahlt mit großen Augen in die Kamera. „Toll! Eine Pose in Bewegung“, lobt die Psychologin – Szenenwechsel. Diese Frau, 30, aus Quierschied, steht jetzt nicht hinter, sondern vor der Kamera – als Vintage Model. Zwischen Highway 101 und dem Meer tanzt sie in Kalifornien vor den Felsen im weit ausgestellten roten Ballkleid. Die Arme fast schon in Ballett-Position, die Füße in den Schuhen mit Peep-Toe. Das Outfit ist aus einer anderen Zeit – Vintage eben. Zwei Welten einer jungen Frau.

Vor einer Weile hat die Psychologin Katharina Stenger entdeckt, dass nicht nur das Fotografieren Menschen helfen kann mit ihren Problemen umzugehen, sondern auch das Posieren vor der Kamera. Die Teilnehmerin des Workshops in Saarbrücken, Nadine Heck, möchte beruflich weiterkommen, ihr fehlt es aber noch etwas an Mut. Ziel des Trainings mit Katharina Stenger ist es, die vor der Kamera neu gelernte Selbstsicherheit auch auf den Alltag zu übertragen. Wer es schafft, vor der Kamera seine Nervosität abzulegen, der traut sich auch im echten Leben mehr zu – so jedenfalls die Theorie der 30-Jährigen. Die erste Sitzung hat Nadine beendet, die Hausaufgaben notiert. Ihre Psychologin hat es sich auf einem weißen Sofa im Studio gemütlich gemacht und noch etwas Zeit zu erzählen, wie sie es geschafft hat, ihre beiden Leidenschaften miteinander zu verbinden – Wissenschaft und Modeln im Retro-Look.

Früher waren die beiden Welten, die der Psychologin Dr. Katharina Stenger und die von Rina Bambina, wie sie in der Vintage-Welt bekannt ist, strikt getrennt.



Ihre psychologische Seite konnte die Saarländerin schnell ins Model-Business integrieren. Workshops für andere Models bietet sie schon länger an. Da sei immer auch ihr psychologischer Hintergrund eingeflossen. „Ich bin doch Wissenschaftlerin im Herzen“, sagt sie.

Umgekehrt war das deutlich schwieriger. Die Fotos, die auf ihrer Webseite zu sehen sind, zeigen fast alle eine Frau in starken Posen mit knalligen Lippen – eine Frau, die weiß, wie sie mit ihren Reizen spielen kann. Zu unseriös für die Wissenschaft? Ja, sagten Bekannte, und rieten ihr, die beiden Welten nicht aufeinanderprallen zu lassen, erzählt sie. Das Modeln sollte ihren Ruf als junge Wissenschaftlerin nicht gefährden.

Langsam hat sich die Retro-Welt dann aber doch in den Alltag gedrängt. Zwar trägt Katharina nicht jeden Tag die exzentrische Siegesrolle im Haar und nicht jeder ihrer Röcke ist ein gepunkteter Petticoat. Nichtsdestotrotz hat sie an ihrem eigenen Stil festgehalten. Wegen ihres weiblichen Kleidungsstils ist sie oft unterschätzt worden. Zur Verteidigung ihrer Doktorarbeit trug sie, „natürlich“, wie sie betont, ein Kleid. Und zwar eines, „das eine andere Farbe hatte als schwarz“. Die Blicke waren ihr sicher. Dass ihr manchmal Respekt und Anerkennung fehlten, lag aber nicht an der Wissenschaft, der sie sich sehr verbunden fühlt. Sondern an der Gesellschaft im Allgemeinen, stellt sie klar. „Es ist mir generell schwergefallen, meinen Platz zu finden, in dem ich mich kreativ entfalten kann.“ Jetzt hat sie ihn. Doktortitel und Petticoat gehen zusammen.

Für Menschen hat sich Katharina Stenger schon immer interessiert. Nach dem Abitur hat sie sich deshalb schnell für ein Psychologie-Studium an der Universität des Saarlandes entschieden und sich auch gleich in die wissenschaftliche Arbeit gestürzt. Ihr Master-Studium hat sie mit einer glatten 1.0 abgeschlossen. Und die Uni nach zehn Jahren schließlich mit einem Doktortitel verlassen.

Als Rina Bambina ist sie derweil durch die Welt gereist, nach Japan, in die USA. Ihre Fotos, sinnlich, verspielt und heiß, sind in Retro-Magazinen wie dem Vintage Flaneur und in etlichen Autoheften erschienen. Die Leidenschaft für die Retro-Welt hat sie erst spät entdeckt – 2011. „Oma ist schuld“, sagt sie mit dem herzlichen Lächeln, das sie nie zu verlieren scheint. Die hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Schneiderin verdingt. Wie gerne hätte sie ihre Enkelin in einem ihrer Kleider gesehen. Die damals 21-Jährige hat sich aber lange gesträubt: „Ich will doch nicht aussehen wie eine Oma.“ Schließlich hat die Enkelin sich doch breitschlagen lassen und sich in dem gut sitzenden Stück Stoff – Oma hatte eine ähnliche Figur – gut gefallen, gibt sie zu. Und plötzlich gab es ein Ventil, sich auszuleben in andere Rollen zu schlüpfen, die eigene Identität zu erkunden – durch die mondänen 20er, das Rock’n’Roll der 50er oder die rebellischen 60er-Jahre. Und sie gefiel sich nicht nur selbst gut. Befreundete Fotografen sind so auf sie aufmerksam geworden.

In Japan, ihrem Traumziel, entstanden einst ihre ersten professionellen Bilder im internationalen Blitzlicht. Das hat sie selbst eingefädelt. Und so wächst auch heute noch ihr Netzwerk. Das Reisen ist für sie ohnehin das Größte – und dass sie es sich mit dem Modeln ermöglichen kann. Zu ihren liebsten Shootings gehört deshalb auch jenes am Malibu Beach. „Wo man sich als Anfänger-Starlet eben so hinwünscht“, sagt sie. Inzwischen ist sie fünf bis zehn Mal im Jahr international unterwegs. Meist mit leichtem Gepäck: Um Platz im Koffer zu sparen, lässt sie sich von lokalen Designern einkleiden. „Ich habe erstaunlich wenig eigene Kleider im Schrank“, sagt sie.

Trotz der bunten Erlebnisse von Rina Bambina bezeichnet sich Katharina Stenger selbst noch als introvertiert. Sie sagt, es sei eine Eigenschaft, die man nicht ablegen könne. Vieles koste sie deshalb Überwindung. Auch heute noch. So kann sie ihren Workshop-Teilnehmern immer ein Stück aus ihrer eigenen Erfahrungskiste mitgeben.

Ihren eigenen Platz zur Entfaltung als Psychologin hat sie inzwischen gefunden. Vor über einem halben Jahr hat sie eine eigene Praxis eröffnet – allerdings in den Weiten des Internets. Eine Online-Praxis. Und Rina Bambina versteckt sie dort nicht mehr. Für ihre Model-Workshops und Foto-Psychologischen Trainings wirbt sie dort. Genauso wie sie in einem Blog ihre Erfahrungen teilt. Psychosen, klinische Sachen, wie sie sagt, kann sie online nicht behandeln. Bei anderen Problemen steht sie per Chat, Videochat oder am Telefon bereit. Mit der Online-Praxis kann sie nicht nur Menschen helfen, die aus unterschiedlichen Gründen keine physische Praxis aufsuchen können, sie kann die Arbeit so auch besser mit ihrem eigenen Leben vereinbaren.

Online-Psychologie gibt es noch nicht lange. Aber das Konzept scheint zeitgemäß zu sein. In eine 40-Stunden-Woche passt Katharinas Terminkalender jedenfalls nicht. „Eher 60“, sagt sie. Viele Anfragen erreichen sie. Katharina Stenger kann dann vermitteln, entweder selbst mit den Klienten ins Gespräch gehen oder eine Klinik oder einen Kollegen empfehlen.

Viele Probleme passen aber auch gerade ins Netz: Eine Klientin, erzählt die Psychologin, leide an Fomo – The Fear of missing out. Diese Menschen haben Angst, etwas zu verpassen. Schuld sind etwa die Sozialen Netzwerke, erklärt die Expertin. „Online sieht es so aus, als würden alle alles machen.“ Man selbst kann da nicht mithalten. Diesen Menschen muss sie klarmachen, dass die Bilder und Aktivitäten, die sie sehen, so nicht die Realität widerspiegeln. Obwohl oder gerade weil sich vieles von ihrem eigenen Leben auch in dieser hektischen Online-Welt abspielt.

 Katharina Stenger bietet eine psychologische Onlineberatung und fotopsychologische Workshops an. 
Foto: Oliver Dietze
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Veroeffentlichung nur nach vorheriger Honorar-Vereinbarung und mit Namensnennung.

Oliver Dietze // +49-(0)177-9761996 // post@oliverdietze.de // USt-ID DE262797891
Katharina Stenger bietet eine psychologische Onlineberatung und fotopsychologische Workshops an. Foto: Oliver Dietze -- Veroeffentlichung nur nach vorheriger Honorar-Vereinbarung und mit Namensnennung. Oliver Dietze // +49-(0)177-9761996 // post@oliverdietze.de // USt-ID DE262797891 FOTO: Oliver Dietze
 In ihren Trainings wie hier in Saarbrücken mit Nadine Heck (rechts) versucht Katharina Stenger, Psychologie und Fotografie zu vereinen.
In ihren Trainings wie hier in Saarbrücken mit Nadine Heck (rechts) versucht Katharina Stenger, Psychologie und Fotografie zu vereinen. FOTO: Oliver Dietze