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Die Dornenvögel fliegen wieder
Kardinal Marx stellt den Zölibat auf den Prüfstand

Kardinal 
Reinhard Marx, Vorsitzender 
der Deutschen 
Bischofs­konferenz.
Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofs­konferenz. FOTO: dpa / Arne Dedert
Rom/München. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz will vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals über die Ehelosigkeit von Priestern debattieren.

Als Reaktion auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche will der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, die Ehelosigkeit von Priestern auf den Prüfstand stellen. „Worte der Betroffenheit reichen nicht aus; wir müssen handeln“, sagte der Münchner Erzbischof und Kardinal am Freitag in Rom.

Die Kirche müsse sich in einer ehrlichen Diskussion vielen Fragen stellen. Dazu gehörten „Machtmissbrauch und Klerikalismus, Sexualität und Sexualmoral, Zölibat und Ausbildung der Priester“. „Der Zölibat ist nicht die Ursache für Missbrauch, das ist absolut nicht der Fall“, sagte Marx. Allerdings könne ein Leben in der Ehelosigkeit kombiniert mit bestimmten Schwächen einer Person zum Problem werden. Er nannte als Beispiele sexuelle Unreife oder versteckte Homosexualität. Marx sprach sich dafür aus, dass die Kirche hinterfragen müsse, ob sie ihr Personal richtig auswähle.

Nach einer jüngst veröffentlichten Studie hatten zwischen 1946 und 2014 in Deutschland mindestens 1670 katholische Geistliche 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht. Dies sei aber nur die nachweisbare „Spitze des Eisbergs“, sagte der Studienleiter Harald Dreßing Ende September in Fulda. Er wies auf problematische Strukturen in der katholischen Kirche hin, die Missbrauch nach wie vor befördern könnten – dazu gehöre auch der Zölibat, das Heiratsverbot für Priester.



Die Studie wurde bei der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz Ende September in Fulda vorgestellt (wir berichteten). Die Bischöfe konnten sich dort zu keinen Reformen durchringen. Viele Oberhirten reagierten bisher zurückhaltend bis ablehnend auf die Forderung, den Zölibat abzuschaffen.

Für Kirchenkritiker ist der Zölibat ein wesentlicher Grund dafür, dass sich nur noch wenige Männer in Deutschland für das Priesteramt entscheiden. Der dramatische Priestermangel führt dazu, dass die Kirche mit ihren Eucharistiefeiern immer weniger „vor Ort“ ist. Wie viele Priester ihr Amt aufgeben, weil sie den Zölibat nicht mehr leben wollen, ist nicht bekannt.

Eine im Jahr 2015 veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern um den Jesuiten Eckhard Frick hatte ergeben, dass nur etwa jeder zweite Priester sich wieder für eine zölibatäre Lebensform entscheiden würde. Für die Studie waren deutschlandweit 8600 Seelsorger befragt worden, darunter 4200 Priester.

Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. hatten die Debatte über den Zölibat für beendet erklärt, aber für Papst Franziskus scheinen verheiratete Priester kein Schreckgespenst zu sein. Eine kleine Nebenbemerkung in seinem Schreiben „Amoris Laetitia“ ließ 2016 aufhorchen. Franziskus beschrieb darin das Problem, dass die katholischen Priester wenig Erfahrung im Umgang mit Problemen von Familien haben, und ergänzte: „In diesem Sinn kann auch die Erfahrung der langen östlichen Tradition der verheirateten Priester nützlich sein.“

(dpa)