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Experten warnen
Der Islamische Staat formiert sich neu

2014 war das Jahr spektakulärer militärischer Erfolge der Terrormiliz Islamischer Staat. Sie eroberte Mossul im Irak und erklärten Al-Rakka in Syrien (Foto) zur Hauptstadt ihres Kalifats. Inzwischen ist der IS militärisch fast besiegt. Aber er formiert sich neu, warnen Experten.
2014 war das Jahr spektakulärer militärischer Erfolge der Terrormiliz Islamischer Staat. Sie eroberte Mossul im Irak und erklärten Al-Rakka in Syrien (Foto) zur Hauptstadt ihres Kalifats. Inzwischen ist der IS militärisch fast besiegt. Aber er formiert sich neu, warnen Experten. FOTO: AP / Raqqa Media Center,
Beirut. Die Terrormiliz ist militärisch am Ende, aber weiter hochgefährlich, sagen Experten. Ihr Arm reicht noch immer weit – vielleicht sogar bis Köln. Von Bassem Mroue, ap

Dass die Terrormiliz Islamischer Staat auch in Europa nicht verschwunden ist, zeigt sich zurzeit in Köln. Dort prüft die Bundesanwaltschaft nach der Geiselnahme am Hauptbahnhof, ob der 55-jährige Syrer Mohammad A.R. im Namen des IS handelte – und geht offenbar davon aus. Gestern spricht die Behörde von „zureichenden Anhaltspunkten auf einen radikal-islamistischen Hintergrund“.

Der IS ist also noch da. Zwar scheint es in Europa ruhiger geworden zu sein, nach den Jahren der großen, tödlichen Anschläge 2015 bis 2017. Zwar ist die Terrormiliz auf den Schlachtfeldern im mittleren Osten weitgehend besiegt. Aber eben nicht weg. sind die Islamisten zu dem zurückgekehrt, was sie bis zu ihren spektakulären militärischen Erfolgen von 2014 waren: ein undurchsichtiges Netzwerk Aufständischer, das mit Guerilla-Anschlägen zivile Ziele angreift und sich staatliche Schwächen für seinen sektiererischen Kampf zunutze macht.

Im Irak und in Syrien vergeht fast keine Woche ohne einen IS-Angriff auf eine Stadt oder ein Dorf. Das sei genau jene Strategie, die die Terrormiliz um das Jahr 2010 verfolgt habe, sagt Hischam al-Haschimi, IS-Experte und Berater der irakischen Regierung. Vier Jahre später nahmen die Islamisten Mossul ein, eine der größten Städte des Iraks. Sie erklärten Al-Rakka in Syrien zu ihrer Hauptstadt und riefen ein Kalifat aus, das sich über weite Regionen beider Länder erstreckte.



Al-Haschimi sagt, die gefährlichste Gruppe von Aufständischen weltweit versuche zu beweisen, dass sie trotz des Verlusts ihres Gebietes noch immer genug Kraft habe, um zuzuschlagen. Dazu gehört auch, dass die Gruppe zuletzt immer wieder Angriffe für sich reklamierte, die sie erwiesenermaßen gar nicht ausgeführt hatte. Damit will der IS zeigen, dass er weiterhin von Bedeutung ist, sagen Experten.

Denn die wichtigsten Protagonisten der einst nahezu perfekt laufenden IS-Propagandamaschine sind tot. Al-Rakka fiel vor einem Jahr. Und die Gruppe hat im Vergleich zu ihrer Blütezeit nur noch zwei Prozent der Gebiete im Irak und in Syrien von damals unter Kontrolle. Auch wenn der IS vermutlich nie wieder so viele Gebiete unter seine Kontrolle bekommen wird wie einst, gibt es Anzeichen dafür, dass die Organisation an neuen Orten Fuß fassen will. Einer der blutigsten Angriffe nach dem Zusammenbruch des sogenannten Kalifats erfolgte im Juli in der Stadt Suweida im Süden Syriens mit mehr als 200 Toten. Zudem wurden rund 30 Menschen – vor allem Frauen und Kinder – verschleppt.

Der Angriff traf die Menschen dort völlig unvorbereitet, war die Region doch von dem seit sieben Jahren andauernden Bürgerkrieg in Syrien bis dahin weitgehend verschont geblieben. Die Sorge ist, dass die Gruppe versucht, sich in einst ruhigen Gegenden neu zu formieren.

Auch im Irak gibt es Gegenden, in denen der IS weiter aktiv ist. Im Ort Gharib im Norden des Landes töteten IS-Mitglieder vergangenen Monat drei Menschen und verletzten neun weitere. Der irakische Militärsprecher Jahja Rassul erklärte diese Woche, man habe eine großangelegte Operation in der Provinz Anbar im Westen des Landes an der Grenze zu Syrien gestartet. Ziel sei es, Zellen mit IS-Schläfern auszuheben.

Beobachter warnen, dass das zu einem neuen Aufstand der Gruppe führen könne — ähnlich wie jenem, den es vor ihrem Aufstieg im Jahr 2010 gegeben habe. Damals waren viele Beobachter davon ausgegangen, die Vorgängerorganisation im Irak sei im Zuge der US-Aktionen im Jahr 2007 besiegt gewesen.

Wie viele Extremisten noch für den IS kämpfen, ist unklar. Ein Bericht der Vereinten Nationen vom August geht von bis zu 30 000 Mitgliedern aus, die zu etwa gleichen Teilen auf Syrien und den Irak verteilt sind. Das globale Netz der Terroristen werde zunehmend zu einer Bedrohung. Obwohl der IS im Irak und in Syrien weitgehend besiegt sei, gelte es als wahrscheinlich, dass der Kern der Gruppe im Verborgenen überleben werde, heißt es weiter. Zudem gebe es eine signifikante Zahl von Unterstützern in Afghanistan, Libyen, Südostasien und Westafrika. Die Gefahr ist also noch lange nicht gebannt – weltweit.