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Wie aus Müll bunte Kunst entsteht
Oh mein Gott, das war mal Schrott!

Konzentriertes Arbeiten: Diplom-Designerin Doris Ducke-Sellen (rechts im Bild) zeigt Recycling-Projektteilnehmerin Christina, wie sie den Adventskranz aus alten Papierschnipseln dreht. Hinten im Bild (von links): Redakteurin Fatima Abbas mit den Teilnehmerinnen Nuran und Anja. 
Konzentriertes Arbeiten: Diplom-Designerin Doris Ducke-Sellen (rechts im Bild) zeigt Recycling-Projektteilnehmerin Christina, wie sie den Adventskranz aus alten Papierschnipseln dreht. Hinten im Bild (von links): Redakteurin Fatima Abbas mit den Teilnehmerinnen Nuran und Anja.  FOTO: Rich Serra
St. Ingbert. In St. Ingbert entstehen täglich kleine Wunder aus Dingen, die man sonst wegschmeißen würde. Das Besondere liegt hier nicht nur im Detail, sondern vor allem in denjenigen, die sie erschaffen. Von Fatima Abbas

Ein Tisch ist kein Tisch. Eine Lampe nicht einfach nur eine Lampe. Tisch und Lampe können alles und aus allem sein. Aus Puzzle-Teilen, Metalldeckeln und Elektrokabeln. Aus Schöpflöffeln, Kabelbindern und Tetrapack. Daneben sprießen Eierkartons in Form von Rosenblüten aus einer Vase, die zuvor garantiert auch irgendetwas ganz anderes war. An diesem Ort könnte selbst der Künstler Banksy noch etwas dazulernen.

Die schrillen Gebilde hängen, liegen und schweben in einer unscheinbaren ehemaligen Arztpraxis im Herzen von St. Ingbert – da wo das Projekt „BiosphärenArt“ seinen Sitz hat. Wo heute elf kreative Köpfe (normalerweise 15) in zwei Räumen vor sich hinwerkeln. Es sind aber keine Künstler im eigentlichen Sinne. Es sind Menschen, die teils seit vielen Jahren arbeitslos sind.

So wie die 53-jährige Hala aus Syrien. Hochkonzentriert formt sie Papier-Strohhalme zu einem Dreieck. Steckt und fädelt die Stränge ineinander, als habe sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht. Dabei schwärmt sie von einer Zeit, als sie als Kunstlehrerin noch alles in einem anderen Sinne in der Hand hatte. Jetzt ist sie in Deutschland. Seit drei Jahren. Seit ein paar Monaten kommt sie täglich hierher. „Ich lerne ziemlich schnell“, sagt sie kokett mit einem Augenzwinkern und streckt den Zeigefinger nach links. „Aber sie, sie ist der Meister.“



Wen Hala mit „Meister“ meint, ist genau wie die Kunstwerke kaum zu übersehen: Doris Ducke-Sellen. Eine Frau, die sich das kreative Recycling auf die Fahne geschrieben beziehungsweise auf die Tasche genäht hat. Eine Vollblutkünstlerin, die so schnell spricht, wie sie innerlich die nächste Halskette entwirft. Schnell. Sehr schnell. Wer versucht, die „Herkunft“ ihrer Vorhänge auf den ersten Blick zu erkennen, hat keine Chance. Und wer dachte, aus Elektrokabel-Innereien könne man keine Obstkörbe flechten, wird hier eines Besseren belehrt. „Wenn der Tag lang ist, fällt mir viel ein“, sagt die Designerin und wirft ihr herzhaftes Lachen in den Raum, in dem Tiere wie Strauß „Artur“ leben. Sein Kopf besteht aus Liebesroman-Schnipseln. Sein Gefieder war mal eine Gardine. „Am besten, man erkennt gar nicht mehr, was es war.“ Und in der Tat: Direkt daneben muss man zwei Mal hinsehen, um gewahr zu werden, dass der Kleiderhaken mal der Klemmbügel eines Aktenordners war.

Auch wer mit den Frauen, die hier gerade Sterne aus Papier drehen, spricht, stolpert über Außergewöhnliches im Alltäglichen. Über Geschichten wie die von Lina, die Kinder und Enkelkinder in Syrien zurückgelassen hat und weinen muss, als sie das ausspricht. In ihrer Heimat hatte sie mit ihrem Mann einen Juwelierladen. „Hier keine Chance“, sagt die 54-Jährige auf Arabisch. Die 49-jährige Nuran aus der Türkei spricht dagegen fließend Deutsch. Seitdem sie 15 ist, lebt sie im Saarland. Seit 14 Jahren ist die Schneiderin arbeitslos, obwohl sie gerne wieder aktiv wäre. „Ich bin allein­erziehende Mutter.“ Die 44-jährige Christina, die ihr gegenübersitzt, nickt. „Ich auch.“

Auch Anja lebt alleine, nur ihr Kater wartet zu Hause und ist irritiert, weil er jetzt öfter warten muss als sonst. Trotz Rheuma hantiert sie geschickt mit Kleister und Kugel. „Das Schöne ist, dass man sieht, was entsteht.“ Anja hat 2006 das letzte Mal gearbeitet. Mit der Ausbildung zur Pelzwerkerin im Lebenslauf habe sie irgendwann nichts mehr gefunden. Halas Cousine Abir würde auch gerne wieder ihrem Beruf nachgehen. Heute verabschiedet sie sich etwas früher. Im Vorbeigehen ringt sie ihren Lippen ein Lächeln und drei Worte ab: „Ich bin Hebamme.“

Trotz aller Resignation macht ihnen das kreative Schaffen Spaß. Mehrmals formt Hala mit Daumen und Zeigefinger einen Ring, die restlichen Finger zeigen nach oben – das typisch südländische Zeichen für „Alles prima!“. Christina bringt es verbal auf den Punkt: „Ich will hier nicht mehr weg.“ Fünf Tage die Woche, sechs Stunden am Tag, von 8 bis 2, üblicherweise ein Jahr lang, maximal für drei Jahre. Das ist keine Beschäftigungstherapie, sagt Ducke-Sellen, die das Projekt als Diplom-Designerin seit fünf Jahren im Auftrag der Gesellschaft für Beschäftigung und Qualifikation leitet. Das Jobcenter vermittelt Teilnehmer, die Interesse an Handarbeit bekunden.

Und das Recycling? Diesen Zusammenhang erklärt Maria Flierl, Leiterin der VHS St. Ingbert, die die Räume zur Verfügung stellt. Begeistert wandert Flierl von einer Handtaschen-Konstruktion zur nächsten. Was viele nicht wissen: Die VHS St. Ingbert ist nicht irgendeine Volkshochschule. Seit Anfang 2017 darf sie sich Biosphären-VHS nennen. Sie ist eines von 16 bundesweiten Bildungszentren für Klimaschutz. Sie soll das Klimabewusstsein in Schulen, Kitas und Kultureinrichtungen im ganzen Saarland verankern. Das kreative Recycling ist Teil dieses Auftrags.

Doch was geschieht mit all der nachhaltigen Kunst? Ihre Erschaffer dürfen sie jedenfalls nicht mit nach Hause nehmen. Ducke-Sellen stellt klar: „Wir verkaufen auch nichts.“ Egal, was man Ihnen bietet? „Egal.“ Der ein oder andere Kunst-Liebhaber würde für die Igel-Lampe aus Kabelbindern sicherlich ein halbes Vermögen hinblättern. Ein kleiner Trost: Jeder darf sich die Objekte ausleihen. Ob für Ausstellungen oder privat. Sie haben auch schon das St. Ingberter Rathaus und die Fußgängerzone beehrt.

Was die Arbeitssuchenden davon haben? Ducke-Sellen versichert, dass man ihre Leistungen dem Jobcenter rückmelde. In aller Regel sei die Werkstatt jedoch nur ein erster Schritt: „Viele müssen sich erst mal wieder an geregelte Zeiten gewöhnen.“ Nicht so der 36-jährige Iyad, der wie Lina und Hala ebenfalls aus Syrien kommt. Er ist Zahnarzt. „Hier mache ich wenigstens auch etwas mit den Händen“, sagt er halb ironisch und öffnet auf dem Handy eine App, die alles, was er auf Deutsch aufschnappt, automatisch ins Arabische übersetzt. So scannt er auch mal Papierschnipsel, bevor er sie zu Kugeln für den Christbaum verarbeitet. „Ich hatte es satt, zu Hause zu sitzen und nichts zu tun.“ Seit fünf Monaten tut er etwas. Auch für die Frauen, für die er eine Art Bruder geworden ist. Geschlechtertrennung nach islamischem Vorbild? Fehlanzeige. „Hier sind wir alle gleich.“ Nur die Tische und Lampen, die heben sich definitiv von anderen ab.

Hala aus Syrien mit ihrem Stern aus alten Telefonbuchseiten.
Hala aus Syrien mit ihrem Stern aus alten Telefonbuchseiten. FOTO: Rich Serra
Kuriosität des Hauses: „Igel-Lampe“ mit Mantel aus Kabelbindern.
Kuriosität des Hauses: „Igel-Lampe“ mit Mantel aus Kabelbindern. FOTO: Fatima Abbas
Vorhang aus Verschlussringen von Getränkeflaschen.
Vorhang aus Verschlussringen von Getränkeflaschen. FOTO: Fatima Abbas
Ausgefallene Taschenkreationen mit Kleiderbügeln.
Ausgefallene Taschenkreationen mit Kleiderbügeln. FOTO: Fatima Abbas