| 23:33 Uhr

Interview Georg Fox
„In den neuen Medien verkümmert die Sprache“

Mundart-
Experte 
Georg Fox.
Mundart- Experte Georg Fox. FOTO: Olaf Reek
Saarbrücken. Der saarländische Mundart-Experte und Autor erklärt, warum wir ab und zu noch ein aus der Mode gekommenes Wort verwenden sollten. Von Fatima Abbas

Wörter kommen, Wörter gehen. Warum es sich lohnt, sie gelegentlich auf ihrer Reise aufzuhalten, erklärt der saarländische Schriftsteller Georg Fox.

Herr Fox, wir alle kennen das Phänomen vergessener Wörter. Ist das per se eine schlechte Entwicklung?

FOX Nein, das ist völlig normal. Es ist wie bei Darwin: Was nicht bestehen bleibt, verschwindet. Schade ist, dass viele Wörter, die verschwinden, einen tieferen inhaltlichen Bezug haben und auch mit Gefühlen verbunden sind.



Zum Beispiel?

FOX Habseligkeit ist so ein hochdeutsches Wort mit hoher emotionaler Dichte. In der Mundart wäre ein anderes Wort, das ich sehr schätze Geheischnis (Nestwärme). Ich versuche, diese Wörter in meinen Texten zu verwenden, weil sie bei den Menschen einen Aha-Effekt auslösen. Selten gebrauchte Wörter sorgen dafür, dass Menschen über Sprache nachdenken. Im Dialekt schreibe ich öfters gerne Figgediewes.

Oha, das klingt vulgär…

FOX Nein, nichts Vulgäres (lacht). Der Gebrauch ist regional sehr begrenzt. Ein Figgediewes ist ein geschickter Junge. Also ein Kind, das schnelle Lösungen für Probleme hat. Im Saarländischen ist aber auch gemeint, dass solche Lösungen mit Raffinesse erreicht wurden.

Was ist Ihr Lieblings-Mundart-Wort, dem Sie nachtrauern, weil es kaum noch gebraucht wird?

FOX Laddserooner. Bezeichnet einen schmuddeligen Jungen.

Und ein Wort, das heute sogar häufiger gebraucht wird als früher?

FOX Geil. In meiner Jugend wurde das so gut wie nie in den Mund genommen. Meine Mutter sagte dann immer: „Geh dir den Mund mit Seif auswasche.“ Es war völlig verpönt. Heute wird es ständig gebraucht.

Gibt es Entwicklungen, die Ihnen Sorge bereiten?

FOX Ja. Gerade in den neuen Medien wie Whatsapp verkümmert die Sprache. Statt „Mit freundlichen Grüßen“ steht da nur noch „MfG“. Statt eines ganzen Satzes wird dann nur noch „Komme gleich“ geschrieben.

Warum ist das bedenklich?

FOX Weil sich durch Sprache auch Respekt oder Nicht-Respekt ausdrückt. Wenn alles abgekürzt wird, dann bringt man dem anderen eine geringe Achtung entgegen.

Können Sie Ausdrücken wie „I bims“, „Isso“, „Smombie“ oder „Babo“ etwas abgewinnen?

FOX Die Jugend braucht ihre Sprache, um sich von den Erwachsenen abzusetzen. Das gilt ja auch für Kleidungsstil oder Haarschnitt. Früher waren die Beatles mit ihren Outfits eine Provokation, heute läuft niemand mehr so rum. Auch Sprache erfüllt immer einen Zweck. Wer als 60- oder 70-Jähriger „Isso“ oder „Smombie“ sagt, der will als jemand gelten, der mit der Jugend mithält. Auch wenn das dann albern wirkt...

Das Interview führte Fatima Abbas.