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Proteste gegen EU-Austritt
Hunderttausende fordern in London zweites Brexit-Votum

„Zeit, aus dem Brexit auszusteigen“: Mit Botschaften wie dieser zogen am Samstag rund 670 000 Menschen durch London, um gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU zu demonstrieren.
„Zeit, aus dem Brexit auszusteigen“: Mit Botschaften wie dieser zogen am Samstag rund 670 000 Menschen durch London, um gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU zu demonstrieren. FOTO: dpa / Louise Wateridge
London. Der Kampf um ein Abkommen zum Austritt Großbritanniens aus der EU geht weiter – unterdessen formierte sich am Samstag ein Protest ungeahnten Ausmaßes. Von Katrin Pribyl

Am Mittag herrschte Stillstand in Londons sonst so geschäftigen Zentrum. Massen von Menschen strömten aus allen Richtungen herbei, füllten die Straßen rund um den Hyde Park über den berühmten Trafalgar Square bis zum Parlament in Westminster. Sie hielten Plakate in den blauen Himmel, auf denen die Aktivisten „eine Stimme für unsere Zukunft“ forderten, „das völlige Chaos der Regierung“ anprangerten oder britische Politiker wie Ex-Außenminister Boris Johnson als „Lügner“ kritisierten. Begleitet von Trompetenmusik und Trillerpfeifen schwenkten sie EU-Flaggen und den Union Jack – vereint im Wunsch, vereint zu bleiben. Rund 670 000 Menschen, so die Angaben der Organisatoren, protestierten am Samstag bunt, laut und friedlich gegen den Brexit. Die Kampagne „People’s Vote“ (Volksabstimmung) will ein erneutes Referendum zum EU-Austritt durchsetzen und hatte zu dem Marsch aufgerufen.

Briten und EU-Bürger aus allen Ecken des Königreichs sowie vom Kontinent waren teils mit Sonderbussen angereist, um bei diesem „historischen Moment“ dabei zu sein, wie Londons Bürgermeister Sadiq Khan es nannte. „Was könnte demokratischer und britischer sein, als dem Urteil des Volks zu vertrauen?“ Die Brexit-Anhänger kontern, man hätte die Bevölkerung im Juni 2016 gefragt, und 52 Prozent der Wähler hätten sich für den Austritt entschieden. Nun gelte es, die Scheidung umzusetzen, betonte auch Premierministerin Theresa May vor wenigen Tagen.

 Aber wie? Die Verhandlungen mit Brüssel stocken und die Wahrscheinlichkeit, dass das Königreich ohne Austrittsabkommen die EU verlässt, steigt mit jeder Woche. „Ein chaotischer Brexit wäre wirtschaftlich eine absolute Katastrophe“, schimpft die 39-jährige Anna. Die Medizinerin befürchtet, dass weitere Pfleger und Ärzte abwandern. „Wir sind zur Lachnummer Europas verkommen.“



Werden diese Bilder Regierungschefin May beeindrucken? Sie lehnt eine erneute Befragung kategorisch ab. Die europafreundliche Kampagne, die von unterschiedlichen Organisationen, Prominenten sowie Abgeordneten aus den großen Parteien unterstützt wird, möchte derweil das Recht durchsetzen, über das noch von London und Brüssel auszuhandelnde Abkommen abzustimmen. Und zudem die Möglichkeit erhalten, für den Verbleib in der Gemeinschaft zu votieren. Die Zeit wird knapp. Am 29. März 2019 verlässt das in der Europafrage tief gespaltene Königreich offiziell die EU.

Ein wenig erinnerte die Großdemonstration mehr an ein Festival, auch weil sich etliche Familien sowie junge Menschen, die an der Spitze marschierten, in den Zug gemischt hatten. „Wir wurden getäuscht, und man hat die ganze Sache als einfache Angelegenheit verkauft“, sagt der 19-jährige Tom, der beim jüngsten Referendum nicht alt genug für den Urnengang war. Etliche Briten hätten für den Austritt gestimmt, weil sie den falschen Versprechen der Brexiters geglaubt haben. Erst jetzt würde man realisieren, welche Nachteile dieser Schritt verursache.