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Hundertausende marschieren gegen Vereidigung des Präsidenten

Washington. Die Krönungsmesse für Donald Trump wird auch eine Demonstration amerikanischer Größe. Im Schatten des Prunks der Vereidigungsfeiern ist die Stimmung in der US-Hauptstadt gedämpft. Agentur

Washington , am Tag vor Donald Trump . Die Innenstadt ist blitzblank geputzt, Fahnen schmücken die historischen Gebäude zwischen Weißem Haus und Kapitol. John Cradler poliert sein riesiges Sousafon. Mit der US-Version einer Tuba wird er am Freitag zu Ehren des neuen Präsidenten aufspielen - als einer von 99 Musikern der US-Marine-Band und einer von 4000 Teilnehmern einer prachtvollen Parade, die der frisch vereidigte Präsident vor dem Weißen Haus von einer mit Panzerglas geschützten Tribüne aus abnehmen wird.

Doch die Bilder der herausgeputzen "Hauptstadt der Freien", die Fernsehkameras in alle Welt übertragen, geben bloß einen Ausschnitt der Wirklichkeit wieder. Nur einen Steinwurf vom Kapitol entfernt, im Südosten der in vier Quadranten geteilten Stadt, herrscht keine Jubelstimmung. Im Schwarzenviertel Anacostia herrscht am Ende der ersten Präsidentschaft eines Afroamerikaners und zu Beginn der unberechenbar erscheinenden Ära Trump Tristesse und Frust.

"Ich glaube nicht, dass Donald Trump wirklich fähig ist, unser Land zu führen", sagt Victoria Brown. Die 26 Jahre alte Schwarze arbeitet als Kellnerin und ist hin- und hergerissen. "Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll." Politik ist im täglichen Überlebenskampf nicht das beherrschende Thema. Vom Tellerwäscher zum Milliardär - der Weg zum Amerikanischen Traum dauert lange fünf Meilen über den Anacostia-Fluss. Die Machtübernahme des Milliardärs aus New York kommt in einer Zeit, in der es Amerika wirtschaftlich wieder recht gut geht. Doch die Gesellschaft ist gespalten. Frauen, Schwule, Behinderte: Trump legte sich im Wahlkampf mit ihnen an. Zuletzt lieferte er sich eine harte Wortschlacht mit dem schwarzen Kongressabgeordneten und früheren Bürgerrechtler John Lewis. Er und 70 weitere Parlamentarier der Demokraten bleiben aus Protest gegen Trump dessen Vereidigungszeremonie fern.



Die Schwarzen wissen nicht, wo die Reise unter Trump für sie hingeht. "Viele Afroamerikaner haben keine Angst vor Donald Trump selbst, sondern vielmehr vor seinem Programm und den Leuten, denen er Schwung verleiht", sagt Reverend Anthony Evans (45), Präsident der National Black Church Initiative, die 34 000 Kirchen in den USA miteinander vernetzt. Damit meint er Leute wie Jeff Sessions (70), designierter Justizminister und unter dem Vorwurf des Rassismus stehend. Er habe bewiesen, dass er Minderheiten nicht schützen wolle. Davor fürchten sich auch Frauenrechtlerinnen oder Menschen, die für die Rechte von Homo- und Transsexuellen eintreten. "Donald Trump und sein Vize Mike Pence haben von oben bis unten ein Kabinett zusammengestellt, dass gegen die Gleichheit ist", sagt JoDee Winterhof von "Human Rights Campaign". Hunderttausende wollen heute gegen die Vereidigung demonstrieren. Zeitgleich wird Donald Trump am Kapitol stehen, die rechte Hand heben und auf Abraham Lincolns Bibel den Amtseid als 45. Präsident der USA leisten.