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Sachsen-Anhalt
Köthen zwischen Ungewissheit und „Trauermärschen“

Köthen in Sachsen-Anhalt: Nach dem Tod eines 22-Jährigen ist die Stadt in Aufruhr – und Parallelen zu Chemnitz machen Sorgen.
Köthen in Sachsen-Anhalt: Nach dem Tod eines 22-Jährigen ist die Stadt in Aufruhr – und Parallelen zu Chemnitz machen Sorgen. FOTO: picture-alliance / dpa Picture-Alliance / Peter Endig
Köthen. Von Franziska Höhnl, dpa

Nach einem Streit mit mutmaßlich tödlichem Ende haben sich im sachsen-anhaltinischen Köthen nach Polizeiangaben gestern bis zu 550 Menschen an einem weiteren sogenannten Trauermarsch beteiligt. Nach einer Schweigeminute und einer kurzen Kundgebung auf dem Markt zogen die Teilnehmer durch die Innenstadt zu dem Spielplatz, wo sich der Streit ereignet hatte. Dort wurde ein Kranz der AfD Sachsen-Anhalt im Gedenken an einen 22 Jahre alten Deutschen niedergelegt. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Über der Stadt mit gut 26 000 Einwohnern kreiste ein Hubschrauber. Eine Reiterstaffel der Polizei ritt durch die Innenstadt. Auch ein Wasserwerfer war vor Ort.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler war es in der Nacht zu Sonntag an dem Köthener Spielplatz zu einem Streit zwischen mindestens zwei afghanischen Staatsbürgern und mindestens zwei deutschen Staatsbürgern gekommen. Am Ende war der 22-Jährige tot, er starb nach Behördenangaben an Herzversagen. Dem Obduktionsergebnis zufolge seien seine Verletzungen nicht die Todesursache gewesen, sagte Landesjustizministerin Anne-Marie Keding (CDU). Die Polizei nahm zwei tatverdächtige Afghanen im Alter von 18 und 20 Jahren fest.

Der AfD-Abgeordnete Hannes Loth hatte die Demonstration gestern unter dem Titel „Wir trauern“ angemeldet. Er betonte, man wolle gemeinsam trauern, und sprach sich gegen Gewalt aus. Zu den Demo-Teilnehmern gehörten AfD-Landtagsfraktionschef Oliver Kirchner und Ex-Landeschef André Poggenburg. Nach knapp einer Stunde erklärte Loth die Veranstaltung für beendet und die Menschen verließen den Versammlungsort.



Die Polizei sprach nach ersten Erkenntnissen von einem eher friedlichem Verlauf. Unklar war zunächst, ob Brände an Fahrzeugen im Zusammenhang mit dem Geschehen stehen. Fünf Fahrzeuge waren laut Polizei am Nachmittag in der Nähe eines Schwimmbades beschädigt worden. Nach Angaben einer Polizeisprecherin stand noch nicht fest, ob ein technischer Defekt Auslöser war oder Brandstiftung.

Tags zuvor waren bei einer ersten Spontandemonstration rund 2500 Menschen zusammengekommen, die meisten waren Bürger aus Köthen und Umgebung, die ihre Trauer bekunden wollten, schätzte Landesinnenminister Holger Stahlknecht (CDU) die Lage ein. Unter den Demonstranten waren nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden allerdings zwischen 400 und 500Rechtsextreme aus Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen. Darunter NPD-Mitglieder sowie Kameradschaften, sagte Landes-Verfassungsschutzchef Jochen Hollmann. Landespolizeidirektorin Christiane Bergmann zufolge wurden Reden gehalten, die im Netz für Empörung sorgten: Von „Rassenkrieg“ war die Rede, von Rache. Der Staatsschutz sichte derzeit das verfügbare Videomaterial auf strafbare Inhalte. Drei Anzeigen wegen Volksverhetzung gebe es schon.

Im sächsischen Chemnitz war es zwei Wochen zuvor nach dem gewaltsamen Tod eines Deutschen zu Demonstrationen mit rechtsextremer Beteiligung und Gewalt gekommen. Während nach den ersten Demo-Tagen in Chemnitz mehr als zwei Dutzend Verletzte und 120 Straftaten inklusive Hitlergruß-Zeigens gemeldet wurden, waren es in Köthen zehn Anzeigen, nach ersten Erkenntnissen ohne Verletzte.

Über Details zum Toten hielten sich die Ermittler zurück. Bekannt ist nur: Er war der Bruder eines bekannten Rechtsextremen aus Köthen.