| 21:50 Uhr

Oberster Gerichtshof in den USA entscheidet
Wo Handschellen und Bußgelder für oben ohne drohen

 Ein entblößter Oberkörper bei Frauen in der Öffentlichkeit ist vielen Amerikanern ein Dorn im Auge. Jetzt ist die Justiz gefragt.
Ein entblößter Oberkörper bei Frauen in der Öffentlichkeit ist vielen Amerikanern ein Dorn im Auge. Jetzt ist die Justiz gefragt. FOTO: Getty Images/ iStockphoto / curtoicurto
Washington . Der Oberste Gerichtshof soll jetzt entscheiden, ob sich künftig Frauen in den USA ungestraft ohne Oberteil zeigen dürfen. Von Friedemann Diederichs

Vor drei Jahre entschied sich Ginger Pierro, ihre täglichen Yoga-Übungen an einem beliebten Badesee in der Stadt Laconia (US-Bundesstaat New Hampshire) zu absolvieren. Dabei legte sie auch ihr Bikini-Oberteil ab. Wenig später tauchten Polizisten auf und führten sie in Handschellen ab. Empörte Besucher des Sees hatten die Ordnungshüter gerufen, weil sie sich in ihrem puritanisch geprägten Empfinden gestört fühlten. Die Frau erhielt dann ein Bußgeld auferlegt, weil sie gegen eine städtische Vorschrift verstoßen hatte. Diese sieht vor, dass öffentlichte Nacktheit tabu ist – und bei den Brüsten einer Frau die Nippel stets voll bedeckt sein müssen. Drei Tage nach der Festnahme von Pierro begaben sich zwei andere Frauen an den See – und zogen blank, um gegen den Arrest ihrer Bekannten zu demonstrieren. Auch sie wurden von den Cops abgeführt und angeklagt.

Nachdem die drei Mitglieder der USA-weiten „Free the nipple!“ (Befreit den Nippel!“)-Kampagne mit ihren Einsprüchen gegen die Strafen vor Gerichten in New Hampshire gescheitert waren, soll nun erstmals der Oberste Gerichtshof in Washington in dieser Grundsatzfrage entscheiden.

Die Argumentation der Frauen ist: Wenn Männer in der Öffentlichkeit mit entblößter Brust ungestraft erscheinen könnten, solle dies auch der Weiblichkeit erlaubt sein. Dies zu verbieten, trage zudem dazu bei, Frauen zu einem Sex-Objekt zu degradieren, so die Eingabe vor dem „Supreme Court“.



Die unteren Gerichte hatten geurteilt, man dürfe die Geschlechter in dieser Frage unterschiedlich behandeln, da auch das traditionelle Verständnis der Bürger in Sachen „Oben ohne“ unterschiedlich sei. Und: Das Zeigen einer blanken Brust inklusive Nippel enthalte auch fast immer „sexuelle Untertöne“, so Richter in New Hampshire.

In den USA gibt es nur wenige Nacktbadestrände, an denen sich Menschen unbekleidet zeigen dürfen, ohne Sanktionen fürchten zu müssen. Die meisten von ihnen sind im liberal geprägten Bundesstaat Kalifornien angesiedelt. Fast alle Städte haben Verordnungen, die es Frauen verbieten, sich mit nackten Brüsten in der Öffentlichkeit zu zeigen. Männer ist dies hingegen fast immer erlaubt.

Doch Hoffnung gibt der „Free the nipple“-Bewegung jetzt auch ein Urteil aus dem Bundesstaat Colorado. Dort hatte im Frühjahr ein Berufungsgericht ein „Oben ohne“-Verbot in der Stadt Fort Collins nördlich von Denver für ungültig erklärt und geurteilt: Es gebe keine Rechtfertigung für eine unterschiedliche Behandlung der Geschlechter, wenn Frauen sich entscheiden würden, ihre Brüste unbedeckt zu zeigen.

Die Sexualisierung der Gesellschaft habe in den Bürgern das Stereotyp verankert, so die Richter, dass der primäre Zweck für Brüste Sex sei – und nicht, damit Babies zu stillen. Mit einer solchen Definition würden jedoch auch Frauen unterdrückt werden.