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Grass ist in Israel unerwünschtRückhalt für Grass bei Ostermärschen

Darf in Israel nicht mehr einreisen: Günter Grass. Foto: Burgi/dpa
Darf in Israel nicht mehr einreisen: Günter Grass. Foto: Burgi/dpa
Frankfurt. Auf den traditionellen Ostermärschen ist vielfache Unterstützung für Günter Grass und Kritik am Einreiseverbot in Israel laut geworden. Es gebe kein Recht auf Präventivkriege und Erstschläge, betonte die bundesweite Informationsstelle Ostermarsch am Ostersonntag. Viele Redner bei Ostermarsch-Kundgebungen hätten dies betont Von Sara Lemel (dpa) und Susanne Knaul (Merkur)

Frankfurt. Auf den traditionellen Ostermärschen ist vielfache Unterstützung für Günter Grass und Kritik am Einreiseverbot in Israel laut geworden. Es gebe kein Recht auf Präventivkriege und Erstschläge, betonte die bundesweite Informationsstelle Ostermarsch am Ostersonntag. Viele Redner bei Ostermarsch-Kundgebungen hätten dies betont. "Was Grass angestoßen hat, kann nicht als antisemitisch unter den Teppich gekehrt werden", erklärte der Sprecher der Informationsstelle, Willi van Ooyen. "Es war ein richtiges Wort von Grass", sagte er zu dem umstrittenen Gedicht, in dem Grass Israel eine Gefährdung des Weltfriedens vorgeworfen hatte. Zum von Israel verhängten Einreiseverbot für Grass erklärte das Netzwerk Friedenskooperative, dieses sei eine "unsouveräne Reaktion" auf dessen Gedicht. Damit werde verhindert, dass sich Grass Streitgesprächen etwa an Universitäten im Land stellen könne.Auch Politiker kritisierten das Einreiseverbot. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) nannte es völlig überzogen. Der stellvertretende SPD-Fraktionschef Gernot Erler sagte: "Das Einreiseverbot bestätigt ungewollt die Tabu-These von Grass und bugsiert die ganze Causa in die israelische Innenpolitik", sagte er dem "Tagesspiegel". dpa

Tel Aviv. Günter Grass ist in Israel nach seinen umstrittenen Äußerungen nicht mehr willkommen. "Ich sehe es als Ehre an, ihm die Einreise ins Heilige Land zu verbieten", sagte der israelische Innenminister Eli Jischai am Sonntag. Aus israelischer Sicht hat der Literaturnobelpreisträger mit seinem israelkritischen Gedicht eindeutig eine rote Linie überschritten. Mit seiner rigorosen Entscheidung stieß Jischai aber auch in Israel auf Kritik. Die Zeitung "Haaretz" beschrieb sie gestern als "hysterisch".

Jischais dramatischer Schritt rührt nicht von einer persönlichen Tragödie oder etwaigen offenen Rechnungen mit Deutschland. Der Minister von der strengreligiösen Schas-Partei ist marokkanischer Abstammung. Seine Entscheidung beruhte auf politischem Kalkül. Jischai versuchte, sich den breiten Anti-Grass-Konsens zu Nutze zu machen - erreichte aber das Gegenteil.



Sollte Grass weiterhin "seine Lügen verbreiten wollen", so riet ihm Jischai, so solle er dass "vom Iran aus tun, wo er sicher auf ein wohlwollendes Publikum treffen wird". Bei diesem Vergleich entginge dem Innenminister "die Ironie seiner eigenen Worte", schrieb "Haaretz". Denn gerade eine Entscheidung wie das Einreiseverbot als Strafmaßnahme für ein Gedicht "charakterisiert die dunklen Regime wie das in Iran und Nordkorea".

Die auflagenstärkste Tageszeitung "Yediot Achronot" kritisiert: "Nur ein schwaches Land, das sich nicht sicher ist, Recht zu handeln, und das die Kritik fürchtet", verliert alle Proportionen und straft seine Kritiker ab. Der Kommentator fordert Regierungschef Benjamin Netanjahu dazu auf, Jischai "für diesen idiotischen Schritt zu verwarnen", ansonsten sei es "ehrenvoll", in diesem Staat eine "Persona non grata" zu sein.

Jischai will in der heftigen Debatte um Grass keine Grautöne gelten lassen - der Intellektuelle ist für ihn mit seinen Äußerungen vollständig in die Kategorie "Nazi" gerutscht. Jischai sagte im israelischen Rundfunk sogar, man müsse dem 84-Jährigen nun eigentlich den Literaturnobelpreis aberkennen. Er verglich Grass' Äußerungen mit der antisemitischen Hetze, die zum Holocaust geführt habe.

Als absurd wird die Warnung von Grass gesehen, Israel gefährde den Weltfrieden. Israel fühlt sich vom Iran und seinem Atomprogramm existenziell bedroht - die Darstellung des Literaten wird daher als blanker Hohn und Verdrehung der Tatsachen empfunden. Der israelische Dramatiker Joshua Sobol schrieb gestern in der Zeitung "Israel Hajom", Grass dürste als ehemaliger SS-Soldat nach Vergebung und erfinde daher eine "wahnhafte Realität". Außenminister Avigdor Lieberman sagte über Grass: "Seine Äußerungen sind ein Ausdruck des Zynismus eines Teils der westlichen Intellektuellen, die als Eigenwerbung und im Willen, noch ein paar Bücher zu verkaufen, dazu bereit sind, die Juden ein zweites Mal auf dem Altar verrückter Antisemiten zu opfern."

Es ist nicht das erste Mal, dass Israel Ausländern als "Strafe" für kritische Äußerungen die Einreise verbietet. Der jüdische Linguistik-Professor Noam Chomsky aus den USA etwa saß vor zwei Jahren an der Grenze in Jordanien fest. Im vergangenen Sommer hinderte Israel mehrere hundert pro-palästinensische Aktivisten daran, ins Westjordanland zu reisen.

Mit dem Einreiseverbot gegen Grass scheint es Innenminister Jischai sehr ernst zu sein. Er glaube zwar nicht, dass der Schriftsteller gegenwärtig überhaupt Pläne habe, nach Israel zu reisen, sagte er. "Aber ich werde ihn zur unerwünschten Person machen, auch wenn er kommen will."