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Globale Aufmerksamkeit verändert Thunbergs Schulstreik
„Greta, Greta, Greta“

Stockholm. Jubelrufe sind der 16-jährigen Klimaaktivistin sicher. Am Samstag wird ihr für ihren Einsatz die Goldene Kamera verliehen. Von Steffen Trumpf (dpa)

(dpa) Das Schild mit der berühmt gewordenen Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ (Schulstreik fürs Klima) steht vor dem Parlament in Stockholm nicht mehr im Tiefschnee, sondern strahlt hell in der Sonne. Wo sich Greta Thunberg Anfang Februar noch mit doppelter Mütze gegen die beißende Kälte geschützt hat, kneift sie nun unter den zum Zopf geflochtenen Haaren die Augen zusammen, um nicht von der grellen Sonne geblendet zu werden.

Nicht nur die Wetterbedingungen sind am Ort des Protests der 16-jährigen Schülerin in den vergangenen Wochen andere geworden. Die weltweite Begeisterung, die Thunberg mit ihrem allwöchentlichen Klimaprotest unter Schülern und jungen Erwachsenen ausgelöst hat, hat wie die damit verbundene Medienaufmerksamkeit auch ihren Schulstreik an sich verändert. Inzwischen reist Thunberg auch in andere Städte, um sich an Klimaprotesten zu beteiligen – am heutigen Freitag etwa in Berlin.

Als Thunberg ihren Schulstreik im August begann, saß sie ganz allein vor dem Reichstag von Stockholm. Ein halbes Jahr später, im besagten Tiefschnee, hatte sie dort zumindest 30, 40 Mitstreiter. International hatte der Protest da längst unglaubliche Wellen geschlagen. Tausende Schüler gehen seitdem nach Thunbergs Vorbild für das Klima auf die Straße, zum Ärger mancher Politiker in Deutschland immer freitags – zur Schulzeit.



Am 15. März kommen wegen eines internationalen Klima-Aktionstags auch mehr als 10 000 Mitdemonstranten vor das schwedische Parlament. Es herrscht Ausnahmezustand, das junge Mädchen mit dem Protestschild wird gefeiert wie die Beatles. Thunberg spricht auf einer Bühne. „Wir stehen vor der größten existenziellen Krise, vor der die Menschheit jemals gestanden hat. Und trotzdem ist das ignoriert worden“, sagt die 16-Jährige. Tausende jubeln, rufen „Greta, Greta, Greta“.

Eine Woche darauf, am vergangenen Freitag, ist wieder so etwas wie Normalität auf dem Mynttorget vor dem Reichstag eingekehrt. Wenn man denn von Normalität sprechen kann: Wo vorher Mitdemonstranten neben der Aktivistin standen, bilden Journalisten nun eine Menschentraube. „Bitte tretet einen Schritt zurück und lasst ihr etwas Platz“, fordert ein junger, kräftiger Mann die Fotografen auf, die Thunberg umringen. Der Mann mit der schwarzen Mütze passt auf, dass sie nicht unentwegt mit Fragen und Wünschen bombardiert wird.

Die anderen Protestteilnehmer stehen ein paar Meter daneben, halten ein Banner mit der Aufschrift „Wir verpassen unseren Unterricht, um euch etwas beizubringen“ in die Höhe. Aber die Reporter interessieren sich nur für eine: Thunberg, den Weltstar der Klimabewegung, der zuletzt gar für den Friedensnobelpreis nominiert wurde.

Als sie ein deutscher Reporter auf Schwedisch anspricht, antwortet sie freundlich mit einem „Hej“. Dann schreitet der Aufpasser mit der Mütze ein. Greta müsse heute noch mehr als genug Interviews geben, sagt er. Nach ihren eindringlichen Worten auf der UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz und auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos kommen nicht mehr bloß schwedische Medien bei Thunberg vorbei. Hochkaliber wie die „New York Times“ und der „Guardian“ schreiben ausführlich über sie, internationale Fotografinnen reisen an, um sie in der Sonne von Stockholm mit einer Rose vor dem Gesicht abzulichten. CNN berichtet ebenso über sie wie BBC. Unentwegt sind Kameras auf sie gerichtet.

Eine Mitdemonstrantin in Stockholm mit einem „Parents for Future“-Schild in der Hand sorgt sich, dass es zu viel werden könnte für die 16-Jährige. In der Tat passt Thunbergs familiäres Umfeld verstärkt auf, dass all das nicht Überhand nimmt. Wer sie interviewen will, wird von dem Mann mit der Mütze an eine freundliche, aber bestimmende Frau verwiesen, die vor Ort alles koordiniert. Sie ist eine Freundin der Familie.

An diesem Freitag muss die Protestaktion in Stockholm ohne Thunberg stattfinden. Die junge Schwedin kommt nach Deutschland, um in Berlin unter anderem an einem „Fridays for Future“-Schulstreik teilzunehmen. Auch ein Besuch beim Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) steht für Freitag auf dem Programm.

Am Samstag erhält sie dann im ehemaligen Flughafen Tempelhof die Goldene Kamera, es soll einen Sonderpreis Klimaschutz geben. Für das junge Mädchen, das in ihrer Heimat jüngst zur Frau des Jahres gekürt wurde, ist es in diesen Zeiten nur eine Auszeichnung von vielen.