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Pfleger und Ärzte aus dem Ausland
Aus dem Kriegsgebiet ans Krankenbett

Der 34-jährige Amera Kabara, der aus Syrien nach Deutschland geflohen ist, macht in Neuss eine Ausbildung zum Altenpfleger. Ohne Personal aus dem Ausland droht im Gesundheitswesen der Kollaps, sagen Experten.
Der 34-jährige Amera Kabara, der aus Syrien nach Deutschland geflohen ist, macht in Neuss eine Ausbildung zum Altenpfleger. Ohne Personal aus dem Ausland droht im Gesundheitswesen der Kollaps, sagen Experten. FOTO: dpa / Marius Becker
Düsseldorf. In Deutschland fehlen tausende Pflegekräfte und Ärzte. Zuwanderer und Flüchtlinge werden dringend gebraucht. Aber es gibt hohe Hürden. Von Yuriko Wahl-Immel, dpa

Amera Kabara hat in Syrien eine Hochschule besucht, zwei Geschäfte geführt, ist vor dem Krieg geflüchtet und lässt sich jetzt im Rheinland zum Altenpfleger ausbilden. Gianluigi Brescia studierte in Italien Medizin und lernt nun gerade für seine Approbation, um in Neuss als Krankenhaus-Kardiologe zu arbeiten. Und Kateryna Nezhentesva war in der Ukraine Krankenschwester, bevor sie nach neun Monaten Anerkennungszeit in einer städtischen Klinik anfing. Experten und Praktiker sagen: Der Fachkräftemangel wird in Deutschland weiter zunehmen. Und: Ohne Kräfte, die zugewandert oder ins Land geflüchtet sind, werde das Gesundheitswesen kollabieren.

„In ländlichen Regionen könnten wir die medizinische Versorgung ohne Ärzte aus dem Ausland schon heute nicht mehr sicherstellen“, schildert Jürgen Herdt von der Ärztekammer Westfalen-Lippe, der viertgrößten in Deutschland. Ende 2017 hatten rund zwölf Prozent aller Ärzte – rund 45 000 Menschen – keinen deutschen Pass, eine deutliche Zunahme. „Je weiter man in die ländlichen Räume kommt, desto höher ist der ausländische Mediziner-Anteil.“ In einigen Kreisen wie Olpe oder Höxter seien in den Kliniken gut 80 Prozent der jungen Assistenzärzte bis 35 Jahre Ausländer.

Maike Tölle von der Katholischen Hospitalvereinigung betont: „Im Moment ist Zuwanderung die einzige Option.“ Es würden viel zu wenige Mediziner in Deutschland ausgebildet. „Die Politik hilft uns da sehr wenig. Hätten wir die ausländischen Assistenzärzte und Pfleger nicht, würde unser Gesundheitssystem zusammenbrechen.“ Die große Koalition hatte gerade erst eine Trendwende gegen den Pflegenotstand und mehr Personal versprochen. Ohne ausländische Kräfte sei es kaum noch möglich, eine Klinik oder Pflegeeinrichtung zu betreiben, sagt auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).



In der Pflege werden im Jahr 2035 etwa 280 000 Kräfte fehlen, prognostiziert der Arbeitsmarktforscher Tobias Maier vom Bundesberufsbildungsinstitut. „Ja, qualifizierte Einwanderung würde helfen.“ Aber wie funktioniert das im Gesundheitsbereich, welche Hürden, welche Wege, welche Projekte gibt es?

Beispiel Amera Kabara: Er durchläuft ein von der Bundesagentur für Arbeit und dem Land NRW unterstütztes Programm: Die Teilnehmer lernen in drei Jahren Deutsch, machen einen Hauptschulabschluss und werden zum Altenpflegehelfer ausgebildet. Das alles hat der 34-jährige Syrer schon geschafft. Der Lohn: „Im Oktober kann ich die Fachausbildung zum Altenpfleger anfangen. Es wird nicht leicht, aber ich hoffe, ich kann das machen.“ Was ist seine Motivation? In Syrien gebe es den Beruf so nicht. „In unserer Kultur pflegen die Kinder ihre Eltern zu Hause. Und wir werden auch nicht 100 Jahre alt, so wie die deutschen Menschen.“ Vor gut drei Jahren flüchtete er vor den Bomben im Bürgerkriegsland Syrien. Heimbewohnerin Elisabeth Grohmann (85) schätzt den Helfer, ebenso wie dessen Kollegen aus Afghanistan und Eritrea, die im Programm Care For Integration (CFI) qualifiziert werden.

Ressentiments gegenüber sichtbar nicht-deutschen Pflegern gebe es selten, erzählt Hans-Peter Knips vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste, dessen NRW-Landesorganisation die CFI-Idee mitentwickelt hat. „Wenn ein Angehöriger sieht, dass ein Dunkelhäutiger seine Mutter pflegt, kann das auch gegen Fremdenfeindlichkeit wirken.“ Bisher war kein Azubi von Abschiebung bedroht, sagt er. Die Teilnehmer seien in ihren drei Jahren Ausbildung und zwei folgenden Berufsjahren „geschützt“.

Vom Heim in die Klinik: Die ausländischen Kollegen empfindet man am Lukaskrankenhaus Neuss als bereichernd. „Deutschland ist leider etwas arrogant, was die Anerkennung von Berufsabschlüssen anderer Länder angeht“, kritisiert Pflegedienstleiterin Andrea Albrecht. Konkret: Obwohl der Beruf der Krankenschwester in vielen Ländern mit einem Hochschulstudium verbunden sei, müssten die Fachkräfte hierzulande erst noch Anerkennungspraktikum und Schulbesuch nachweisen. Albrecht sieht viele Hürden für ausländische Pflegekräfte, allen voran die uneinheitlichen Anforderungen und Verfahren für eine Berufserlaubnis. Laut Mediendienst Integration arbeiteten 2017 bundesweit etwa 134 000 ausländische Pflegefachkräfte und -helfer, rund 3900 von ihnen kamen aus den wichtigsten acht Asylherkunftsstaaten wie Syrien, Afghanistan oder Irak.

Bei der Approbation für Mediziner aus Nicht-EU-Ländern gibt es ebenfalls nicht das eine goldene Rezept, weiß Ärztekammer-Experte Herdt. Die Länder handhaben die Sache unterschiedlich, was trotz einiger Verbesserungen manchmal ein „Flickenteppich“ sei. Trotz des großen Bedarfs an Medizinern mahnt er: Die Messlatte bei den fachlichen und sprachlichen Qualifikation müsse unbedingt sehr hoch bleiben. Das gelte umso mehr, „wenn vier von fünf Kollegen auf einer Station nicht Deutsch-Muttersprachler sind“. Nicht-EU-Mediziner müssen für ihre Zulassung eine Kenntnisprüfung ablegen, bei der alle Inhalte des deutschen Medizinstudiums abgefragt werden können. Eine zusätzliche Fachsprachen-Prüfung nehmen meistens die Landeskammern ab. Die Prozesse seien manchmal extrem undurchsichtig, moniert Tölle. Es brauche großes Durchhaltevermögen. Das hat Amera Kabara. „Ich habe alles verloren in Syrien. Ich lerne hier und möchte arbeiten. Ich bin noch jung. Und ich kann alles schaffen.“