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30 Jahre Rede an Prager Botschaft
Als Genschers Halbsatz in Prag Geschichte schrieb

  Vor 30 Jahren sprach Außenminister Genscher (rechts unter dem Fensterkreuz) auf dem Balkon der Prager Botschaft zu den wartenden DDR-Bürgern.
Vor 30 Jahren sprach Außenminister Genscher (rechts unter dem Fensterkreuz) auf dem Balkon der Prager Botschaft zu den wartenden DDR-Bürgern. FOTO: dpa / Reinhard Kemmether
Prag. Am 30. September 1989 hält der Bundesaußenminister seine berühmte Botschafts-Balkonrede zur Ausreise Tausender DDR-Bürger. Es ist der Beginn der Wende. Von Michael Heitmann, dpa

Der Rasen ist gepflegt, die Strauchrabatten sind akkurat geschnitten. Vor dem barocken Palais Lobkowicz in Prag kommen nur sporadisch Passanten vorbei. Die deutsche Botschaft in Tschechien residiert in einem ruhigen Viertel unterhalb der Prager Burg. 30 Jahre zuvor herrscht hier Ausnahmezustand. DDR-Bürger klettern von hinten über den Zaun in den Garten der Botschaft der Bundesrepublik. Zu Tausenden strömen sie aus ihrem Land. Die Massenflucht ist eine von mehreren Entwicklungen, die 1989 zum Fall der Berliner Mauer und zur Öffnung der jahrzehntelang streng gesicherten innerdeutschen Grenze führt.

Im Inneren des ehemaligen Adelssitzes, der seit 1974 die Botschaft beherbergt, schlafen Menschen in Doppelstockbetten. Draußen hat das Deutsche Rote Kreuz Zelte aufgebaut, dazwischen wird wild gecampt. Das Wetter ist eher schlecht in den ersten Septembertagen 1989, im Matsch warten die Menschen auf ihre Ausreise.

Mit einem „Fest der Freiheit“ hat Deutschland am Samstag in Prag an die Ereignisse von damals erinnert. Vor allem am eines: Am 30. September 1989 hatte der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Palais Lobkowicz seinen berühmten Halbsatz gesagt, der im Jubel der Menge unterging: „Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise... (möglich geworden ist).“



Für viele der Flüchtlinge, die wochenlang ausgeharrt hatten, war es eine „Befreiung“. Sie hatten alles zurückgelassen, um in den Westen zu kommen: Familie, Trabis, Geld.

Rudolf Seiters, der damals als Kanzleramtschef an der Seite Genschers auf dem Balkon stand, sagte nun: „Das war praktisch der erste Stein, der aus der Mauer gebrochen wurde.“ Die schwer gesicherte Grenze fiel wenige Wochen später, am 9. November 1989.

Gemeinsam mit einem der damaligen Flüchtlinge, dem Musiker Markus Rind, enthüllte Seiters am Bahnhof Prag-Liben eine Gedenktafel. Darauf heißt es: „Die Züge in die Freiheit waren ein wichtiger Schritt zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur Überwindung der Teilung Europas.“ Zwischen dem 30. September und dem 4. Oktober 1989 konnten rund 13 000 DDR-Bürger von Prag aus mit Sonderzügen in die Bundesrepublik ausreisen.

Hilmar Zander war damals unter den Flüchtlingen in der Botschaft, gemeinsam mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern. „Die Emotionen kommen hoch“, sagte der 65-Jährige. Er berichtete von den engen und unhygienischen Verhältnissen, sagte aber auch: „Es hat sich gelohnt.“ Ein anderer Zeitzeuge kämpfte mit den Tränen. Man habe Angst gehabt, dass die Züge nicht via DDR in die BRD, sondern in sowjetische Lager führen, sagte Frank Schröter. Doch Seiters war schon damals überzeugt: „Das hätte sich die DDR nicht getraut.“

Junge Menschen aus Deutschland und Tschechien konnten sich am Wochenende auf dem Botschaftsgelände einen Eindruck machen, wie damals alles aussah. Das Rote Kreuz baute originalgetreue Katastrophenschutz-Zelte auf, es gab Essen aus der Gulaschkanone.

Eine Lehre von damals sei, dass Nationalstaaten die Probleme allein nicht lösen können, sagt CDU-Politiker Seiters. Markus Rind, heute Intendant der Dresdner Sinfoniker, meint: „Wir sollten auch den Menschen in Not die Hand reichen.“