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Truppen-Abzug aus Syrien
Warten auf die Entscheidung der USA

 Ein Milizionär im syrischen Manbidsch. Die Lage im Bürgerkriegsland könnte sich nach einem Abzug der US-Truppen wieder verschärfen.
Ein Milizionär im syrischen Manbidsch. Die Lage im Bürgerkriegsland könnte sich nach einem Abzug der US-Truppen wieder verschärfen. FOTO: dpa / Anas Alkharboutli
Istanbul. Trumps Ansage zum Truppenabzug aus Syrien verunsichert die Region. Zwei seiner Vertreter setzen jetzt auf Diplomatie. Von Jan Kuhlmann, dpa

Sie sind gleich in doppelter Beruhigungsmission unterwegs: Während US-Außenminister Mike ‎Pompeo diesen Dienstag eine Nahost-Tour beginnt, ist der nationale Sicherheitsberater ‎des Landes, John Bolton, bereits gestern in die Türkei geflogen. Es sind heikle Reisen der beiden Vertreter von US-Präsident Donald Trump. Denn dessen Entscheidung, die US-Truppen aus dem Bürgerkriegsland Syrien zurückzuziehen, hat in der Region viele Reaktionen ‎ausgelöst: Freude, Ängste und Sorgen. Vor allem aber auch: Unsicherheit.‎

Bislang ist unklar, wann genau die US-Soldaten Syrien verlassen werden. Während Trump weiterhin daran festhält, der Abzug solle „schnell“ erfolgen, scheinen andere Beteiligte in Washington auf die Bremse zu treten. Ein Vertreter ‎des US-Außenministeriums erklärte am Freitag, es gebe noch keinen Zeitplan. Bolton selbst will den Abzug so umgesetzt sehen, dass die Terrormiliz IS „geschlagen ist und sich nicht wieder erholen (...) kann“. Das spricht dafür, dass es sich eher um Monate als um Wochen handeln dürfte.‎

Der vor fast acht Jahren ausgebrochene Syrien-Konflikt hat sich in den vergangenen Monaten ‎beruhigt. Die UN und internationale Mächte bemühen sich, endlich einen politischen Prozess in ‎Gang zu setzen. Doch ein Ende des ‎US-Engagements mit Bodentruppen in Syrien ließe eine neue Dynamik entstehen, die ‎Verbündete der Amerikaner unter massiven Druck setzen, zugleich aber erklärten Feinden helfen würde.



Vor allem die Kurden im Norden und Osten des Landes wären der große Verlierer. Die Kurdenmiliz ‎YPG dient Washington in Syrien bisher als wichtigster Partner im Kampf gegen den IS. Die US-Armee unterstützt die kurdischen Truppen nicht nur mit Luftangriffen, sondern ‎auch mit Ausbildung. Mittlerweile kontrollieren die Kurden rund ein Drittel des Landes, darunter ‎Syriens wichtigste Ölvorräte im Osten des Landes. Im Norden Syriens haben sie eine ‎Selbstverwaltung errichtet. Doch die YPG pflegt enge Beziehungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, weshalb der türkische Präsident Recep ‎Tayyip Erdogan fest entschlossen ist, eine weitere Militäroperation gegen die Miliz zu beginnen.

Auf sich allein gestellt ständen die Chancen der kurdischen Truppen im Kampf gegen die türkische ‎Armee schlecht. Schon vor fast einem Jahr mussten sie einer Offensive Ankaras auf die kurdische ‎Hochburg Afrin im Nordwesten Syriens weichen und sich zurückziehen. Damit sich ein solches Szenario nicht wiederholt, will Bolton von der Türkei Garantien für die Kurden verlangen. Doch wird sich Erdogan darauf einlassen?

Damit den Kurden ein ähnliches Schicksal wie in Afrin erspart bleibt, haben sie ihre Kontakte zur Regierung in ‎Damaskus verstärkt, zu der sie eigentlich ein angespanntes Verhältnis haben. Über ‎Jahrzehnte haben Syriens Machthaber die kurdische Minderheit diskriminiert. Doch aus ‎Mangel an anderen Partnern bleibt den Kurden kaum eine Wahl, ‎wollen sie nicht an mehreren Fronten aufgerieben werden. Vor kurzem rückten bereits syrische ‎Regierungstruppen in die von Kurden kontrollierte Stadt Manbidsch in Nordsyrien ein.‎

Der syrische Präsident Baschar al-Assad, dessen Truppen nach einem Chemiewaffeneinsatz von den USA 2018 noch bombardiert worden waren, kann so seinen Einfluss im Land ausbauen, ohne dafür etwas tun ‎zu müssen. Und noch eine andere Konfliktpartei dürfte von einem US-Abzug profitieren: der ‎schiitische Iran, den Trump eigentlich zur größten Bedrohung in der Region erklärt hat.‎ Teheran ist am Boden der wichtigste Verbündete Assads und verfolgt das Ziel, vom Libanon über Syrien und den Irak einen Landkorridor ‎bis nach Teheran zu errichten. Bislang stehen ihnen die YPG-Truppen im Weg, die große Teile der ‎syrisch-irakischen Grenze kontrollieren. Sollten die Kurden sich aber eines Angriffs der Türkei ‎erwehren müssen, könnten sie dieses Gebiet verlieren.‎ Das hätte auch Auswirkungen auf den Kampf gegen den IS, den die YPG gemeinsam mit lokalen verbündeten Truppen bekämpfen. Die Extremisten haben in Syrien und im Irak zwar den größten Teil ihres früheren Herrschaftsgebietes verloren, sind aber noch längst nicht besiegt. Und in einem Umfeld um Chaos, ein Machtvakuum und Rivalen, die sich gegenseitig bekämpfen, ist der IS schon einmal stark geworden.