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Friedensmann oder Spinne im Netz?

Istanbul. Lange Zeit unterstützte die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen den türkischen Ministerpräsidenten. Inzwischen ist er zum erbitterten Gegner Racep Tayyip Erdogans geworden.

Die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen ist zum Gegenspieler des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan geworden. Der 72-jährige Gülen wird von seinen Anhängern als Vertreter eines friedlichen und fortschrittlichen Islam gefeiert - das Erdogan-Lager sieht die Bewegung dagegen als Verschwörerbande, die die Schalthebel des Staates in ihre Gewalt bringen will. Auch in Deutschland sind die Gülencis sehr aktiv - und umstritten. Gülens islamische Lehren gelten als gemäßigt, doch verbindet der Prediger seine Vorstellungen von Religion mit einem nachdrücklichen Bekenntnis zum türkischen Nationalismus. Zudem kommen hin und wieder Zweifel an der liberalen Natur seiner Botschaften auf. So soll der baden-württembergische Verfassungsschutz die Lehren Gülens als teilweise unvereinbar mit den Prinzipien von Gewaltenteilung und geschlechtlicher Gleichberechtigung eingestuft haben. In Deutschland betreibt die Bewegung rund 300 Einrichtungen.

Ein Schwerpunkt in der Lehre Gülens ist die Bildung, weshalb seine Bewegung in vielen Ländern der Welt Schulen baut. Nach dem Zerfall der Sowjetunion galten die Gülen-Schulen in Zentralasien als Speerspitze eines erhofften türkischen Einflusses dort. Gülen wurde in Ankara hofiert. Doch gegen Ende des Jahrzehnts kam der Verdacht auf, er plane einen islamistischen Umsturz. Gülen floh in die USA und ist bis heute nicht in die Türkei heimgekehrt. Vom Bundesstaat Pennsylvania aus lenkt Gülen seine weltweit tätige "Hizmet" (Dienst)-Bewegung.

Lange Zeit unterstützte "Hizmet" die islamisch-konservative Regierung Erdogan im Kampf gegen die alten säkularistischen Führungskader in der Türkei. Doch die Allianz wurde immer brüchiger. Offiziell erklärt "Hizmet", die Gülen-Anhänger hätten sich von Erdogan abgewandt, weil dieser immer offener autoritäre Tendenzen an den Tag legte. So kritisierte die Bewegung das harte Vorgehen der türkischen Polizei gegen die Gezi-Protestbewegung 2013.

Der Türkei-Experte Günter Seufert von der Stiftung Wissenschaft und Politik weist außerdem auf eine wachsende Konkurrenz von Gülen- und Erdogan-Anhängern hin. Im vergangenen Herbst verkündete Erdogan einen Plan, um der Bewegung durch ein Verbot der vielfach von Gülens Anhängern betriebenen privaten Nachhilfe-Schulen den Geldhahn abzudrehen. Gülen verklagte Erdogan jetzt wegen Hetze gegen seine Bewegung auf 30 000 Euro Schmerzensgeld.