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Züchtigungen
Paris macht der Ohrfeige endlich den Garaus

Frankreich gehört zu den wenigen Ländern in Europa, in denen das Schlagen von Kindern nicht verboten ist.
Frankreich gehört zu den wenigen Ländern in Europa, in denen das Schlagen von Kindern nicht verboten ist. FOTO: SZ / Lorenz, Robby
Paris. Die französische Nationalversammlung nimmt einen neuen Anlauf, um die Prügelstrafe zu verbieten. Präsidentengattin Brigitte Macron ist eine prominente Befürworterin des Gesetzentwurfs. Von Christine Longin

Eine Ohrfeige für das brüllende Kleinkind im Bus, ein Klaps auf den Po für die streitenden Geschwister vor der Schule. Szenen wie diese sind in Frankreich häufig zu sehen, ohne dass die Eltern dafür kritisiert werden. Bisher zumindest. Denn die Abgeordnete Maud Petit bringt am 29. November einen Gesetzentwurf in der Nationalversammlung ein, der jede Form von Gewalt gegen Kinder verbietet. „Jedes Kind hat das Recht auf eine Erziehung ohne Gewalt. Die Inhaber elterlicher Autorität dürfen keine Mittel der Erniedrigung wie physische oder verbale Gewalt nutzen“, heißt es in dem Text, der ins bürgerliche Gesetzbuch kommen soll, ohne dass bei Gewaltanwendung Strafen vorgesehen sind.

Frankreich gehört zu den wenigen Ländern in Europa, in denen das Schlagen von Kindern nicht verboten ist. Im Gegenteil: Leichte Züchtigung zu erzieherischen Zwecken ist den Eltern ausdrücklich erlaubt. Die Einstellung, dass ein kleiner Klaps auf den Po nicht schade, ist deshalb weit verbreitet. Laut einer Ifop-Umfrage 2015 sprachen sich 70 Prozent der Franzosen dagegen aus, Eltern körperliche Züchtigung zu verbieten. Die Gegner saßen vor allem bei den Konservativen und dem rechtspopulistischen Front National. „Die Franzosen sprechen dem Klaps auf den Po pädagogische Vorteile zu“, sagte der Leiter der Meinungsforschungsinstituts Ifop, Jérôme Fourquet. Lediglich schwere Misshandlung ist laut Strafgesetzbuch verboten.

Falls einmal ein Fall elterlicher Gewalt vor Gericht kommt, urteilen die Richter nachsichtig. So sprach im Oktober 2014 ein Berufungsgericht einen Vater frei, der seinen Sohn mit dem Stock geschlagen und ins Hinterteil getreten hatte. Zur Begründung hieß es: „Jedes Elternteil hat die Möglichkeit, eine dem Alter und der Haltung des Kindes angemessene Gewalt anzuwenden, wenn sie keine körperlichen oder psychischen Konsequenzen für das Kind hat. Diese Möglichkeit gehört zur Erziehungsverpflichtung der Eltern.“



2015 kritisierte der Europarat Frankreich für seine laxe Haltung in Sachen körperlicher Züchtigung. Die Straßburger Organisation forderte das Land auf, die europäische Sozialcharta umzusetzen, die jede Form der Gewalt gegen Kinder verbietet. Die Mahnung zeigte Wirkung: 2016 stimmte die Nationalversammlung einem Prügelverbot zu. Eine Gruppe konservativer Senatoren rief jedoch umgehend den Verfassungsrat an, der die Regelung aus Verfahrensgründen kurz darauf wieder kippte. „Auf gewisse Art haben sie damit das Recht eingefordert, Kinder zu schlagen“, kritisierte die damalige Frauenministerin Laurence Rossignol die Initiative der Konservativen.

Für ihre neue Initiative hat die Zentrumspolitikerin Maud Petit prominente Unterstützung durch Präsidentengattin Brigitte Macron. Die frühere Lehrerin sagte bei einem Auftritt an einer Schule diese Woche: „Man lernt durch Gewalt nicht zu leben. Das ist nicht die Gesellschaft, die wir wollen.“ Auch die Staatssekretärin für Gleichstellung, Marlène Schiappa, ist für ein Prügelverbot: „Im Jahr 2018 sehe ich nicht, wie man den Schlag auf den Po verteidigen kann.“ 54 Länder weltweit, darunter Brasilien und Togo, haben bereits Gewalt als Erziehungsmaßnahme verboten. Deutschland schloss sich dem Verbot im Jahr 2000 an.

Französische Kinderschutzorganisationen gehen davon aus, dass 85 Prozent der französischen Eltern ihr Kind vor seinem fünften Geburtstag schon einmal geschlagen zu haben. Mehr als die Hälfte tat das sogar, bevor das Kind zwei Jahre alt war. Doch auch in Frankreich scheinen sich die Mentalitäten langsam zu wandeln. Im Januar löste ein Video Empörung aus, das einen Priester zeigt, der ein schreiendes Kleinkind bei der Taufe ohrfeigt. 2007 hatte der Präsidentschaftskandidat François Bayrou noch viel Zustimmung erhalten, als er im Wahlkampf einem Jungen eine Backpfeife verpasste.