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EU zweifelt an Besetzung von Johnson

Brüssel. Premier Theresa May macht Boris Johnson zum Außenminister. Die Wahl des Brexit-Befürworters stimmt die Parlamentarier in Brüssel bedenklich. Auch in Deutschland wird die Personalie mit Skepsis wahrgenommen. Mirjiam Moll (Merkur),André Stahl (dpa)

Zwei Sätze. Mehr hat Ratspräsident Donald Tusk nicht übrig für die Frau, die das Vereinigte Königreich aus der EU führen wird. "Im Namen des Europäischen Rates möchte ich Ihnen gratulieren", schrieb er in seinem Brief, der mit der Ortsmarke Brüssel überschrieben ist, obwohl Tusk zu diesem Zeitpunkt noch in Peking beim dortigen EU-China-Gipfel verweilt. "Ich freue mich auf eine fruchtbare Zusammenarbeit", endet der Brief: "Hochachtungsvoll - Ihr Donald Tusk ".

Den Schrecken, dass Großbritannien die Gemeinschaft tatsächlich verlassen will, hatte man in Brüssel gerade erst überwunden, da erreichte es schon die nächste Hiobsbotschaft: Ausgerechnet Boris Johnson wird Außenminister in Theresa Mays neuem Kabinett. "Ich habe das für einen Scherz der Social-Media-Community gehalten", sagte die Grünen-Co-Fraktionschefin Rebecca Harms gestern. Dass jener Mann, der "mit Unwahrheiten über die EU zum Brexit beigetragen" und international Politiker "brüskiert" habe, nun Außenminister werde, habe sie "kalt erwischt". Für die internationale Gemeinschaft sei er eine "Zumutung", schimpfte Harms.

Skeptische Töne schlugen auch die Politiker in Berlin an. Johnson sei bisher nicht als herausragender Diplomat in Erscheinung getreten, warnte der stellvertretende SPD-Chef Ralf Stegner . "Jetzt verhandelt er den Brexit. Gute Reise!". Sein Parteikollege und Außenminister Frank-Walter Steinmeier nannte zwar keine Namen, sagte aber: "Nachdem verantwortungslose Politiker das Land erst in den Brexit gelockt haben, um sich dann, als die Entscheidung feststand, aus dem Staub zu machen, die Verantwortung nicht zu übernehmen, stattdessen Cricket spielen zu gehen - ich finde das, ehrlich gesagt, ungeheuerlich." Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU ) reagierte pragmatischer. Er drang auf eine rasche, geordnete Verhandlungen mit Großbritannien über den Austritt. "Je schneller es gelingt, Klarheit zu schaffen, umso so besser ist es, etwaige Risiken zu begrenzen",



May hat jedoch angekündigt, sich mit dem Auslösen von Artikel 50, der den Ablauf eines Austritts regelt, Zeit zu lassen - bis Januar, wenn nicht gar noch später. Die übrigen 27 Staats- und Regierungschefs aber fordern wie auch die Kommission und Ratschef Tusk, den Prozess nicht künstlich hinauszuzögern. Für September ist bereits ein informeller Gipfel der 27 Mitgliedstaaten anberaumt - dort dürften sie ihre Forderung nach einem schnellen Verhandlungsbeginn noch einmal bekräftigen. In der Hand aber hat es Premierministerin May.