| 23:20 Uhr

Korea-Experte Hartmut Koschyk über den Singapur-Deal
„Es kann etwas Historisches daraus werden“

Hartmut Koschyk (CSU), früherer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und Korea-Kenner.
Hartmut Koschyk (CSU), früherer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und Korea-Kenner. FOTO: dpa / Daniel Karmann
Berlin. Das Abkommen zwischen Trump und Kim ist ein guter Anfang, sagt der Korea-Experte und CSU-Politiker. Jetzt komme es auf die weiteren Schritte an. Von Werner Kolhoff

Der Deal von Singapur, den Trump und Kim geschlossen haben, hat Potenzial, sagt Hartmut Koschyk (59, CSU), Vorsitzender des deutsch-koreanischen Forums.

Ist das Ergebnis des Gipfels wirklich eine historische Einigung?

KOSCHYK Wenn die Stimmung und die Dynamik von Singapur erhalten bleiben, dann kann daraus etwas Historisches werden. Es ist der Einstieg in einen Prozess, bei dem am Schluss eine Einigung über schwierigste Fragen stehen kann, die die Region seit Jahrzehnten belasten. Schon jetzt ist das Ergebnis aber ein historischer Einschnitt in den Beziehungen zwischen den USA und Nordkorea.



Warum macht Kim das mit?

KOSCHYK Er ist ein noch junger Vertreter seiner Dynastie und hat erkannt, dass er aus der Isolation heraus muss. Weil sein Regime nur den Hauch einer Überlebenschance hat, wenn es sich öffnet und sein Verhältnis zu den USA bereinigt. Das Zusammenwirken der großen Mächte im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat ebenfalls seine Wirkung gezeigt. Trump war klug beraten, China und Russland einzubeziehen. Dass Kim Jong Un am Schluss völlig isoliert war, hat den nachhaltigsten Eindruck auf ihn gemacht.

Es war also nicht allein Donald Trumps Erfolg?

KOSCHYK Ich hoffe, dass Trump an dieser Herausforderung gelernt hat und lernt, dass es ohne Multilateralismus nicht geht.

Reicht das Ergebnis der Vereinbarung für einen umfassenderen Friedensprozess bis hin zu einem Friedensabkommen?

KOSCHYK Im Kommuniqué ist das große Ziel einer neuen Friedensordnung für Nordostasien formuliert. Man muss jetzt ein Format finden, um neben den beiden Koreas auch China, Russland und Japan einzubinden. Das könnte dann zusammen mit den USA zu einer Renaissance der sogenannten Sechs-Parteien-Gespräche führen, die 2009 gescheitert waren. Am Schluss müssen alle wichtigen Mächte der Region beteiligt sein.

Bedeutet die Einigung jetzt eigentlich auch mehr Wohlstand für die Nordkoreaner?

KOSCHYK Wenn Kim sich auf die Denuklearisierung wirklich einlässt, wird dies sicher dazu führen, dass die internationale Gemeinschaft wieder zu humanitären Hilfeleistungen bereit ist. Auch könnte die gemeinsame Wirtschaftszone mit Südkorea wieder in Betrieb gehen und Tourismusprojekte wieder aufgenommen werden. Das würde Nordkorea Deviseneinnahmen bringen.

Das Thema Menschenrechte spielte in Singapur praktisch keine Rolle.

KOSCHYK Das Thema wird noch eine Rolle spielen. Dazu wird der Druck in der amerikanischen Öffentlichkeit zu groß sein. Auch die Europäer können hier eine Rolle spielen. Deutschland zum Beispiel hat bei der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Nordkorea einen Menschenrechtsdialog vereinbart. Diese Beziehungen befinden sich derzeit auf dem Nullpunkt. Sie könnten und sollten jetzt wiederbelebt werden.

Der Preis von Trumps Deal ist, dass sich das Regime Kim dauerhaft stabilisieren kann.

KOSCHYK Aber es wird sich weiterentwickeln. Ich erinnere daran, dass auch Südkorea lange eine Militärdiktatur war und sich zu einer Demokratie entwickelt hat. Dieser Wandel ist auch in Nordkorea möglich.

Das Gespräch führte
Werner Kolhoff