| 23:20 Uhr

Interview Gabriele Clemens
Wie die Menschen im Saargebiet das Kriegsende erlebten

Die Saarbrücker Geschichts-
Professorin 
Gabriele 
Clemens.
Foto: YAPH
Die Saarbrücker Geschichts- Professorin Gabriele Clemens. Foto: YAPH FOTO: YAPH
Saarbrücken. Am Lehrstuhl von Gabriele Clemens entsteht derzeit eine Dissertation über das Kriegsende im Saargebiet. Mit der Professorin, die Neuere Geschichte und Landesgeschichte an der Universität des Saarlandes lehrt, sprachen wir über den November 1918. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Aus dem Krieg gibt es unzählige Zeugnisse, aber nach August 1918, als die ersten Truppen sich auflösten, reißt das ab. Man weiß nur, dass alles erstaunlich geordnet ablief. Trotzdem mussten durch das Saargebiet hunderttausende Soldaten durch.

CLEMENS Das war so, trotzdem gab es wenig Chaos. Die Truppen wurden durch das eigene Land zurück geführt, marodierende Soldaten gab es in nennenswerter Zahl nicht. Wenn überhaupt, ereignete sich Gewalt gegen die Zivilbevölkerung eher an der Ostfront.

Kann man beziffern, wie viele Soldaten aus dem Saargebiet fielen?



CLEMENS Zurzeit liegt keine Zahl für das Saargebiet vor. Es lässt sich aber sehr gut für einzelne Orte erforschen, ich habe das für Wiesbach getan. Im Deutschen Reich wurden zehn Millionen meist sehr junge Männer eingezogen, in Wiesbach erhielten mehr als 300 einen Gestellungsbefehl. Damals lebten 2071 Menschen im Ort. Es ist davon auszugehen, dass jeder zweite Wiesbacher im wehrfähigen Alter zur preußischen Armee eingezogen wurde. Davon starben 61 entweder im Feld oder in Lazaretten. Diese Verlustquote ist im nationalen Vergleich eher gering, so dass vermutet werden darf, dass einige von den Eingezogenen bald wieder nach Wiesbach zurückkehren durften, weil sie dringend in der Grube Göttelborn gebraucht wurden.

Wie muss man sich den 11. November 1918 in saarländischen Gemeinden vorstellen? Wusste man vom Waffenstillstand?

CLEMENS Dafür müsste man noch mehr lokale Mikro-Studien machen. Aber man darf mutmaßen, dass die Beamten über Telegraphen sehr schnell informiert waren, auch war die Tagespresse sehr schnell, es erschienen oft zwei Ausgaben pro Tag. Die Arbeiter- und Soldatenräte, die sich in vielen saarländischen Orten gebildet hatten, die werden das alles schon sehr intensiv diskutiert haben. Aber inwieweit es Lieschen Müller interessierte, das kann man kaum einschätzen. Ganz so überraschend kam die Niederlage für die deutsche Bevölkerung nicht, wie in der älteren Forschung behauptet. Und so unbeliebt war die Monarchie in breiten Kreisen überhaupt nicht. Eine breite revolutionäre Stimmung lässt sich nicht nachweisen.

Den Begriff Saarland oder Saargebiet gibt es ja 1918 noch gar nicht. Empfanden sich die Menschen denn überhaupt als gemeinsame Gruppe oder definierten sie sich als Bayern und als Preußen?

CLEMENS Letzteres war der Fall. Es gab kein deutsches Heer, es gab vier, unter anderem ein preußisches und ein bayrisches, und diesen Gruppen fühlte man sich zugehörig. Die Menschen werden erst später, durch die zweimalige Sondersituation, zu Saarländern. Die besonderen Erfahrungen ab 1920, die Völkerbund-Zeit, und die Situation ab 1945 machten die Saarländer zu Saarländern.

Das Gespräch führte
Cathrin Elss-Seringhaus.

Das vollständige Interview steht im Internet: www.pfaelzischer-merkur.de/interview-clemens