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Gefahr der Verödung
Deutschlands Problemzonen haben jetzt einen Namen

Berlin. Einer Studie zufolge droht 19 von 96 Regionen ohne Gegenmaßnahmen die langsame Verödung. Das Saarland steht auf Platz sechs der Problemregionen. Von Werner Kolhoff

Total verödete Regionen wie im amerikanischen „rustbelt“ (Rostgürtel) um Detroit gibt es in Deutschland nicht. Noch nicht. Aber einige Landstriche kommen dem Bild bedenklich nahe, wenn nichts geschieht, hat das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ermittelt. Und zwar nicht nur im Osten.

Das Negativ-Ranking wird angeführt von der Altmark, also den Kreisen Stendal und Salzwedel im Norden von Sachsen-Anhalt. Mit Bitterfeld-Wittenberg folgt eine zweite Region aus diesem Bundesland auf Rang zwei. Aber dann kommen schon nordrhein-westfälische Sorgenkinder: Die Regionen Emscher-Lippe mit Städten wie Gelsenkirchen und Bottrop. Und Duisburg/Essen. Von 96 Großregionen in Deutschland besteht bei 19 akuter Handlungsbedarf, haben die Forscher festgestellt. Davon liegen zehn im Osten, neun im Westen. Das Land Sachsen-Anhalt ist komplett vertreten, weil auch noch Magdeburg und Halle zu den Problemzonen zählen. Gegenden aus Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen tauchen auf der Liste hingegen nicht auf.

Das Institut hatte für die Studie die Daten nach drei Hauptkriterien ausgewählt und bewertet: Die wirtschaftliche Lage, gemessen etwa an der Arbeitslosenquote, dem Lohnniveau oder der Überschuldung privater Haushalte. Die demografische Situation als die Einwohner- und Altersentwicklung. Und die Infrastruktur, darunter die Verschuldung der Kommunen, der Breitbandausstattung und die Entwicklung der Immobilienpreise. Betrachtet wurde der Zeitraum 2011 bis 2017, um festzustellen, ob die Entwicklung nach oben oder nach unten geht. Für die Studie wurden immer zwei oder drei Landkreise zu „Raumordnungsregionen“ zusammengefasst – auch weil die Gegenmaßnahmen großräumig ansetzen müssen.



Die gefundenen 19 Problemregionen sind dabei meist nicht in allen Bereichen schlecht. So hat Bremerhaven, Platz 19, überwiegend wirtschaftliche Probleme, wie die hohe Arbeitslosigkeit dort zeigt. Emscher-Lippe, Duisburg-Essen und Dortmund gehören in dieser Kategorie ebenfalls zu den vier schlechtesten. Nord- und Südthüringen, die Mecklenburgische Seenplatte und die Lausitz leiden hingegen unter der starken Abwanderung und Überalterung der Bevölkerung, was die weitere wirtschaftliche Entwicklung hemmt. Die schlechte Finanzlage der Kommunen ist in der Westpfalz und in Bochum/Hagen das Hauptproblem. Im Saarland, Problemregion Nummer Sechs, schlagen wie in der Altmark alle drei Faktoren recht gleichmäßig negativ zu Buche.

Wenn nichts geschehe, drohten „gefährliche Abwärtsspiralen“, sagte IW-Chef Michael Hüther. Allerdings müssten die Lösungen regional sehr unterschiedlich ausfallen, je nach Problemlage. Am wichtigsten sei es, die Kommunen zu stärken. Hüther schlug kommunale Schuldenerlasse vor, um den Städten wieder mehr finanziellen Spielraum zu geben. Das würde freilich in der Verantwortung der Länder liegen. Wichtig sei auch der Ausbau der Bildungsangebote, da­runter die Ansiedlung oder Ausweitung von Hochschulen. Für die Lausitz (Platz 10) ist das wegen des geplanten Kohleausstieges im Gespräch.

In allen problematischen Regionen müsse das Bürgerengagement gestärkt und gefördert werden, um die wichtigsten Funktionen aufrechtzuerhalten, so das IW. Außerdem müsse es überall schnelles Internet, gute Straßenanbindungen und öffentliche Verkehrsangebote geben. Dabei dürfe nicht nur die Wirtschaftlichkeit ein Kriterium sein, es gehe auch um die Lebensfähigkeit der Regionen, sagte Hüther. „Wir müssen wegkommen von dem Es-rechnet-sich-nicht.“

Im Juli hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) die Empfehlungen einer Regierungskommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ vorgestellt und dabei ähnliche Maßnahmen genannt.