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Eine Hymne auf die Liebe

Rom. Zwei Mal hatten die Bischöfe auf Wunsch von Franziskus ausführlich die Themen Familie und Ehe diskutiert. Der Papst weiß, dass sich die Kirche dem Wandel der Zeit anpassen muss. Dennoch rüttelt er in seinem Resümee nicht an den Fundamenten – dafür gibt er Liebestipps. Agentur

Auch dieses Mal bricht in der katholischen Kirche kein neues Zeitalter an, keine Revolution erschüttert die Grundfesten der Vatikanmauern - stattdessen betätigt sich Papst Franziskus als weiser Berater in Liebesdingen. In seinem Schreiben zu den Themen Familie und Ehe suchen Katholiken vergebens nach klaren Normen etwa zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen oder Homosexuellen. Der Argentinier präsentiert sich nicht als Dogmatiker, erlässt keine päpstlichen Anordnungen, sondern schreibt offen und menschennah über Zweisamkeit und Sex. "Erfrischend", meint Vatikan-Experte Bernd Hagenkord. "Der ganze Text ist sehr emotional und menschlich."

Franziskus wendet sich mit einem sehr praxisnahen Resümee an die Gläubigen, das ohne den theologisch-theoretischen Pathos seiner Vorgänger auskommt - und frei von jeder Peinlichkeit auch offen über Liebe , Erotik und Zärtlichkeit spricht. "Es ist gut, den Morgen immer mit einem Kuss zu beginnen", rät der Papst und schreibt weiter: "Die Ehe ist auch eine Freundschaft, welche die der Leidenschaft eigenen Merkmale einschließt." Wenn es um die Liebe zwischen Mann und Frau geht, schwebt dieser Pontifex nicht in himmlischen Sphären, sondern bleibt ganz bodenständig und lebensnah.

"Franziskus lädt das, was er zu sagen hat, nicht mit Konfliktstoff auf", bringt es Pater Hagenkord, der Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, auf den Punkt. Homosexuelle werden nur am Rande erwähnt. Und Wiederverheiratete, die die Hoffnung gehegt hatten, offiziell wieder zur Kommunion zugelassen zu werden, werden vielleicht enttäuscht sein: Es gibt keine klare Ansage, die über die vage Öffnung des Abschlusspapiers der Synode hinausgeht - und das sagt der Papst auch ganz klar. Einzelfälle könnten geprüft werden, aber er werde "keine auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art" aufstellen. Franziskus höhle aber so den gesetzesfixierten Geist des Kirchenrechts quasi von innen heraus aus, analysiert der Theologe Wolfgang Beinert. "Das ist so, wie wenn man ein Haus innen entkernt und neu baut, aber außen die Fassade lässt."

Im Zentrum des Schreibens "Amoris Laetitia - über die Liebe in der Familie" steht - wie der Titel verrät - schlicht und einfach die Liebe . Und Franziskus wählt dafür das simple Wort "Amore" und verzichtet auf das bisher häufig verwendete und mit christlichen Tugenden beladene Wort "Caritas ". Wie ein Eheberater wirkt er in manchen Passagen, ein aufgeschlossener geistlicher Führer, der viele Zeichen der Zeit erkannt hat, aus einer Rede von Martin Luther King und dem Erfolgsfilm "Babettes Fest" zitiert - und Paaren jeden Alters mit Rat und Tat zur Seite steht. So spricht der 79-Jährige von der Wichtigkeit, sich selbst zu lieben und anzunehmen, um einen anderen lieben zu können, wendet sich gegen Kontroll- und Eifersucht, plädiert für Vertrauen und "eine Beziehung in Freiheit", fordert zum Zuhören auf und zu einer milden Sprache ohne "aggressive Worte". Und dann leitet er über zu dem, was selbst viele Vatikankenner überrascht hat: der körperlichen Liebe .

"Begierden, Gefühle, Emotionen - das, was die Klassiker "Leidenschaften" nannten - nehmen einen wichtigen Platz in der Ehe ein", so Franziskus. Sexualität sei eine "zwischenmenschliche Sprache, bei der der andere ernst genommen wird in seinem heiligen und unantastbaren Wert". Der Pontifex spricht von "gesunder Erotik" und gesteht den Ehepartnern zu, dass diese auch "mit dem Streben nach Vergnügen" verbunden sei und nicht nur mit dem Wunsch nach Fortpflanzung. Das ist neu - und für einen katholischen Kirchenführer schon gewaltig progressiv. "Erstmals schreibt ein Papst so viel über Sex, Zärtlichkeit und Erotik, und er wirkt dabei nicht peinlich, sondern eher wie ein liebevoller Großvater", sagt Hagenkord.

Franziskus beweist mit dem 188 Seiten starken Dokument erneut, dass er nicht an starren, veralteten Formen festhält, sondern offen ist für die Menschen des 21. Jahrhunderts und ihre neuen Bedürfnisse - aber an den Fundamenten rüttelt er nicht. Auch Selbstkritik übt er an mehr als einer Stelle, "heilsame Selbstkritik" nennt er das.