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Thriller von Bill Clinton
Ein Präsident auf Verbrecherjagd

Washington. Politik kann Bill Clinton ja. Nun versucht sich der frühere US-Präsident in einem anderen Genre. Für einen Roman hat er sich mit Spitzenautor James Patterson zusammen­getan und viel Insider-Wissen preisgegeben. Von Frank Herrmann

Der Präsident steckt in einer Zwickmühle, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Die Opposition drängt auf seine Amtsenthebung, denn eine Kommandoaktion in Algerien hat nicht nur ein amerikanisches Soldatenleben gefordert, sondern auch den Eindruck erweckt, als handle er gegen die Interessen seines eigenen Landes.

Eine Einheit der Special Forces hat sich einer Miliz in den Weg gestellt, die drauf und dran war, das Camp eines berüchtigten Cyber-Terroristen zu umzingeln. Als Präsident Jonathan Lincoln Duncan diesen Suliman Cindoruk auch noch anruft und eine französische Zeitung darüber berichtet, wird im Kongress in Washington der Vorwurf des Hochverrats laut. Duncan indes sind die Hände gebunden, weil streng geheim bleiben muss, worüber er mit Cindoruk sprach. Der Anführer einer Islamistengruppe namens „Söhne des Dschihad“ droht damit, ein „Dark Age“-Virus zu aktivieren, das die vollständig computergesteuerte Infrastruktur der USA lahmlegen würde. Duncan will Cindoruk eine Art Lösegeld anbieten. Der aber will nicht verhandeln, er will die Supermacht in die Knie zwingen. Stromnetz, Wasserversorgung, Flugverkehr, Krankenbetreuung, das Finanzsystem, die Landesverteidigung – alles soll zusammenbrechen.

Bill Clinton, der 42. Präsident der Vereinigten Staaten, hat zusammen mit dem Krimi-König James Patterson einen Thriller geschrieben. Er ist nicht der erste Altpräsident, der sich am Fiktiven versucht. Schon Jimmy Carter brachte einen Roman zu Papier. Nur ging es darin um die Unabhängigkeitskriege der Republik, während Clintons 480 Seiten lange Erzählung unübersehbare Parallelen zum eigenen Leben aufweist. Wie Duncan ist er ohne leiblichen Vater aufgewachsen, stammt aus einfachsten Verhältnissen, wurde zunächst zum Gouverneur eines südlichen Bundesstaats gewählt. Wie Duncan lernte er seine spätere Ehefrau beim Jurastudium kennen und hat eine Tochter. Und des Amtes enthoben werden sollte er auch. Nach seiner Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky. „Sie werden erst dann Frieden geben, wenn sie mich ins Gefängnis geschickt, mich gevierteilt und meinen Namen aus den Geschichtsbüchern getilgt haben“, klagt Clntons litararisches Pendant.



Am Ende ist „The President Is Missing“ ein Buch über das Gute, das das Böse besiegt. Ein sehr amerikanisches Werk. Die Idee, sagte Clinton, sei ihm gekommen, weil er durchaus realistische Gefahren ausmalen wollte. „Jemand könnte zumindest eines unserer Stromnetze außer Gefecht setzen, zum Beispiel das in der Osthälfte unseres Landes. Jemand könnte sämtliche Bankunterlagen löschen – und dazu noch die Sicherungskopien, falls das Virus clever genug ist.“

Im Krimi kommt eine ganze Reihe von Akteuren als Missetäter infrage: Chinesen, Nordkoreaner, Saboteure aus dem Dunstkreis der saudischen Herrscherfamilie und natürlich die Russen, denen Duncan hochaktuell rät, die Hände von Amerikas Wahlen zu lassen. Welcher Staat tatsächlich gemeinsame Sache mit Cindoruk macht, soll hier nicht verraten werden. Jedenfalls schlägt zwei Computergenies des Terrorfürsten gerade noch rechtzeitig das Gewissen. Eine aus der Schwarzmeerrepublik Abchasien stammende Programmiererin, „eine Mischung aus Calvin-Klein-Model und Eurotrash-Punkrockerin“, trifft sich mit Duncan, um ihn zu warnen – und um zu verhandeln. Ihr blutjunger Partner, ein Hacker aus dem Donbass, sitzt irgendwann in einem Baseballstadion neben einem Präsidenten, der zur Tarnung eine Brille und Bart trägt. Duncan handelt auf eigene Faust, niemand soll ihn erkennen. Da außer sehr engen, sehr verschwiegenen Vertrauten keiner weiß, wo er ist, machen bald Meldungen die Runde, nach denen er vermisst wird – „The President Is Missing“. Eine Gruppe von Berufskillern, von Cindoruk angeheuert, um die beiden Abtrünnigen zu töten, kommt bei alledem in die Quere, was die Suche nach dem Virus erheblich erschwert. Im Übrigen leidet Duncan an einer Blutkrankheit mit dem unaussprechlichen Namen Immunthrombozytopenie. Was die ganze Jagd natürlich nochmal komplizierter macht.

Und dann wäre da noch der Wert von Verbündeten, auf deren Hilfe Jonathan Duncan in akuter Not baut: die Ministerpräsidentin Israels und der deutsche Bundeskanzler. Und mittendrin warnt die Hauptfigur des Romans: „Sich mit Kriechern und Speichelleckern zu umgeben, ist der kürzeste Weg zum Scheitern“. Da Trump seine Minister gern Loblieder anstimmen lässt, um seine Erfolge zu preisen, lässt sich der Wink mit dem Zaunpfahl kaum übersehen.

Hollywood steht drauf. Der Sender „Showtime“ hat sich die Rechte am Krimi gesichert. Nach der auslaufenden Serie „House of Cards“ und „Veep – Die Vizepräsidentin“ ist Platz für eine neue Weiße-Haus-Show. Und Clinton hat den nächsten Deal unterzeichnet. Es geht um sein Leben nach der Karriere.

Krimi-Autor James Patterson und Ex-Präsident Bill Clinton präsentieren ihren Thriller „The President Is Missing“ in New York.
Krimi-Autor James Patterson und Ex-Präsident Bill Clinton präsentieren ihren Thriller „The President Is Missing“ in New York. FOTO: dpa / Johannes Schmitt-Tegge