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Michael Cohen
Ein Mann wie eine tickende Zeitbombe

Washington. Donald Trumps Anwalt und langjähriger Vertrauter, Michael Cohen, muss sich unter anderem wegen Betrugs vor der Justiz verantworten. Um seine Haut zu retten, könnte er den US-Präsidenten schwer belasten. Von Friedemann Diederichs

Zwölf Jahre lang arbeitete der 51-jährige New Yorker Anwalt Michael Cohen für Donald Trump persönlich und dessen Firmengeflecht als das, was man in den USA als „Fixer“ versteht: einen Mann, der für den Chef unangenehme Dinge richtet.

Wie missliebige Journalisten unter Druck zu setzen. Oder dem Pornostar Stormy Daniels 130 000 Dollar als Schweigegeld überweisen, damit diese mitten im Wahlkampf nicht länger behauptet, eine Affäre mit Trump gehabt zu haben – was dieser stets abgestritten hat.

Doch seit dem 9. April dieses Jahres ist es für den früheren Helfer des Immobilien-Moguls und Präsidenten eng geworden. Seit diesem Tag ist bekannt, dass das FBI und die Justiz gleich wegen eines ganzen Bündels an Vorwürfen gegen ihn ermitteln – unter anderem wegen Bankbetrugs und der Verletzung von Parteispenden-Gesetzen.



Aber für möglich gehalten wird auch, dass Cohen in rechtlich fragwürdige Kontakte des Trump-Teams mit Vertretern Russlands verwickelt gewesen ist – oder zumindest von möglichen Absprachen zur Wahlbeeinflussung Kenntnis hat. Und das hat in den USA seit der Durchsuchng von Cohens Privathaus, seines Büros und des Hotelzimmers die Frage aller Fragen aufkommen lassen: Wird Trumps einstiger Mann fürs Grobe mit der Justiz kooperieren, um einen günstigen Verfahrensausgang zu erreichen und vielleicht von einer Haftstrafe verschont zu werden? Trump hatte die Razzia bei Cohen als „Hexenjagd“ und „Angriff auf unser Land“ angeprangert. Cohen distanzierte sich. „Ich stimme nicht mit jenen überein, die das FBI dämonisieren. Ich respektiere das FBI als Institution.“

Erstmals ließ Cohen jetzt in einem Interview durchblicken, dass er Trump belasten könnte. „Um ganz klar zu sein: Meine Frau, meine Tochter und mein Sohn, und dieses Land haben meine vorrangige Loyalität“, so der Anwalt. Wenig später verkündete Cohen über Twitter ominös: „Mein Schweigen ist gebrochen!“ Und ließ dabei wohl bewußt im Unklaren, ob sich dies auf das Interview oder eine Zusammenarbeit mit der Justiz zu Lasten Trumps bezieht. US-Medien sind sich jedenfalls einig, dass ein „Umfallen“ von Cohen für den Präsidenten gefährlicher werden könnte als die Russland-Recherchen von Sonderermittler Robert Mueller. Denn die Zeiten, in denen Cohen bereit war, eine „Kugel für Trump zu nehmen“ (Originalton), scheinen lange vorbei.

Das dürfte auch daran liegen, dass sich der ehemalige Leibanwalt des Präsidenten seit Amtsantritt Trumps von diesem nicht angemessen behandelt fühlt. Er habe auf eine maßgebliche Rolle in der Regierung gehofft, aber sei übergangen worden, heißt es in Washington. Die „Washington Post“ rechnet jetzt damit, dass sich Cohen zum Kronzeugen der Anklage machen lässt – und dass selbst ein Begnadigungsversprechen des Präsidenten diesen nicht zum Schweigen bringen wird.

Denn Trump kann rechtlich keine Straffreiheit für seinen Ex-Adlatus erreichen, wenn auch der Bundesstaat New York gegen Cohen Anklage erhebt. Doch wenn er tatsächlich auspacken sollte, wäre dies für Trump tatsächlich der Super-GAU. Denn Cohen war in alle persönlichen Angelegenheiten seines Auftraggebers offenbar eng eingebunden. Er dürfte wissen, ob an andere Frauen ebenfalls Schweigegelder flossen und ob dabei Gesetze verletzt wurden. Er dürfte von Treffen des Trump-Teams mit Vertretern Moskaus und möglicherweise illegalen Absprachen Kenntnis haben.

Und er dürfte wissen, wie reich Trump wirklich ist, wie hoch er und seine Kinder verschuldet waren oder sind, wer seine Geldgeber sind und ob es unsaubere Geschäftsverbindungen gibt. Diese Details, so wertet jetzt die „Washington Post“, dürften für den Präsidenten der furchterregendste Teil der laufenden Ermittlungen gegen Cohen sein.