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Nach drei Jahren Jemen-Krieg
Ein Land liegt in Trümmern

Sanaa. Drei Jahre ist die Einmischung der Saudis in den Jemen-Konflikt nun her. Ein Ende des Elends ist nicht in Sicht — ganz im Gegenteil.

() Als vor drei Jahren, genau am 26. März 2015, Kampfjets aus Saudi-Arabien die Grenze zum Nachbarland Jemen überquerten, nannte Riad seinen Eintritt in den Bürgerkrieg „Operation Entscheidender Sturm“. Der Sturm im bitterarmen Jemen hörte seitdem nicht mehr auf. Doch eine Entscheidung, ein Ende des Desasters, ist auch nach mehr als 10 000 Toten und einer beispiellosen humanitären Katastrophe nicht in Sicht.

Es scheint nicht einmal mehr ausgeschlossen, dass das Land auseinanderbricht. Der Krieg, die Seuchen und der Hunger – sie hätten wohl kaum ein schwächeres Opfer als den Jemen treffen können. Das bitterarme Land auf der arabischen Halbinsel ist seit den Aufständen im Jahr 2011 nicht zur Ruhe gekommen. Der 2012 eingesetzte Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi war zu schwach, um das vielfach gespaltene Land zusammenzuhalten. Ins Vakuum stießen die Huthi-Rebellen, die 2014 große Teile des Jemen eroberten.

Daraufhin begann eine Militärkoalition unter Führung Saudi-Arabiens ihre verheerenden Angriffe auf die Aufständischen, denen Riad vorwirft, von seinem Erzfeind Iran unterstützt zu werden. Die Allianz traf dabei auch viele Zivilisten und blockierte zuletzt lebenswichtige Hilfslieferungen in das Huthi-Gebiet. Trotz allem scheint die Macht der Rebellen ungebrochen. Sie kontrollieren weiterhin den Norden des Jemen und die Hauptstadt Sanaa.



Die jüngsten Zahlen des internationalen Netzwerks Crisis Action sprechen für sich: Mehrere tausend Menschen verloren aufgrund der Kämpfe in den vergangenen drei Jahren ihr Leben; mehr als 22 Millionen Jemeniten sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, 40 Prozent mehr als 2015. Cholera und Diphtherie grassieren – auch weil ein Drittel der bislang erfassten rund 16 500 Luftschläge der Saudis nicht-militärische Ziele wie Krankenhäuser, Lebensmittellager oder Marktplätze trafen. Verschärft wird die Lage durch die Blockade des wichtigen Hafens Al-Hudaida im Roten Meer. Auch der Zugang zu Lebensmitteln und Medikamenten ist eingeschränkt. Nach Angaben der Hilfsorganisation Oxfam sind seit März 2015 die Preise für Reis um 131 Prozent gestiegen, die für Bohnen um 92 Prozent, Pflanzenöl um 86 Prozent und Mehl um 54 Prozent. Im gleichen Zeitraum habe die Zahl hungernder Menschen um 68 Prozent zugenommen und liege nun bei fast 18 Millionen.

Für Frauen sei die Situation im Land ganz besonders dramatisch, sagt die Menschenrechtlerin Radhya al-Mutawakel. „Viele haben ihren Mann, ihren Ernährer, verloren und stehen in langen Schlangen an, um Wasser oder Treibstoff zu bekommen. Die Zahl der Kinderehen steigt.“

Im Süden – auf dem Papier unter Kontrolle der international anerkannten Hadi-Regierung – ist unterdessen ein weiterer Konflikt entfacht. Er bedroht die Einheit des Jemen, der bis zum Jahr 1990 geteilt war. Seit Jahren brodeln im Süden die Abspaltungstendenzen, die Bürger der ehemaligen britischen Kolonie rümpfen nicht selten die Nase über die angeblich weniger weltoffenen Nordstaatler.

Vor einigen Wochen sahen die Separatisten, die sich als südlicher Übergangsrat (STC) organisiert haben, ihre Stunde gekommen: Im Januar eroberten sie Stellungen der Regierungstruppen, an deren Seite sie in der Vergangenheit noch gegen die Huthis gekämpft hatten, und kreisten den Präsidentenpalast in der Hafenstadt Aden ein. Ihre Forderung: Eine Umbildung der „korrupten und inkompetenten“ Regierung. Ihr langfristiges Ziel: Unabhängigkeit. Die Situation konnte mit einer Waffenruhe beruhigt werden. Vorläufig. „De facto haben wir eine Spaltung in Nord- und Südjemen. Die Regierung Hadi hat keine Legitimität mehr“, sagt Jens Heibach, Jemen-Experte vom Giga-Institut in Hamburg. Das liege auch daran, dass die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) – enger Verbündeter Saudi-Arabiens und Teil ihrer Koalition – im Jemen ihre eigene Agenda verfolgten. Der Kampf gegen die Huthis sei ihnen weniger wichtig, dafür unterstützen sie die Separatisten und haben im Süden auch Truppen stationiert.

„Der Jemen erlebt eine halbe Abspaltung zwischen dem Norden und dem Süden“, bestätigt der jemenitische Analyst Asem al-Sadeh. Stabilität gebe es keine, stattdessen werde der Jemen seiner strategisch wichtigen Häfen – etwa Aden – und Inseln im Süden beraubt. Der Experte Heibach sagt: „Es geht um die Kontrolle der Wasserwege, die Emirate haben schon zwei Militärbasen am Horn von Afrika.“ Mit einem hörigen Südjemen könnten die VAE künftig besser die Handelswege und Verbindungen nach Afrika überwachen.

Ob die Separatisten wirklich eine Chance haben, ist umstritten. Eins aber ist sicher: Der Konflikt im Bürgerkrieg führt zum Dissens zwischen den „Brüdern“ am Golf. Saudi-Arabien und die Emirate unterstützen die Rivalen im Süden – das macht den Jemen-Krieg noch komplizierter und das Land noch schwerer stabilisierbar. Bislang scheute das mächtige Riad sich, Abu Dhabi zurückzupfeifen. Schließlich steht viel auf dem Spiel: Die Kronprinzen beider Länder bilden in den Konflikten der arabischen Welt sonst eine Einheit. Der Riss, der durch den Jemen geht, soll keinesfalls auch die Golfmächte entzweien. „Es gibt keine Probleme zwischen Mohammed bin Salman und Mohammed bin Sajed“, sagt Ebtesam al-Ketbi, Präsident des Emirates Policy Centers, einer regierungsnahen Denkfabrik in den VAE. Schwierig seien allein die Gruppen im Jemen.

Den Bürgern sei mittlerweile egal, welche Kriegspartei welche Dörfer einnehme, sagt die Jemenitin Weam Ali aus Sanaa und spiegelt damit die Meinung vieler kriegsmüder Bürger wider. „Alle Akteure in der Jemen-Krise, auch die Militärkoalition, sind daran gescheitert, den Menschen im Jemen zu helfen. Der Krieg war nicht im Interesse unseres Heimatlandes.“

Es liegt auch am neuen UN-Vermittler Martin Griffiths, die schon mehrmals gescheiterten Gespräche wieder in Gang zu bringen. Der Brite sagt, ein glaubwürdiger politischer Prozess fordere schwierige Kompromisse der Konfliktparteien. Das jemenitische Volk müsse an erster Stelle kommen. Es ist nicht das erste Mal, dass die Jemeniten das hören.