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Besuch beim Landarzt
Vom Katzenbiss bis zur Chemotherapie

Arzthelferin
Heike Jost.
Arzthelferin Heike Jost. FOTO: Oliver Dietze
Nunkirchen. Die Arbeit eines Hausarztes ist vielfältig. Und der Stress wächst, weil der Nachwuchs fehlt. Ein Besuch in einer Praxis in Nunkirchen. Von Gerrit Dauelsberg

Mit freiem Oberkörper sitzt der Patient im Sprechzimmer. „Ich habe ein Ziehen im Kreuz.“ Ein Leiden, bei dem Hausarzt Thomas Rehlinger schnell Abhilfe leisten kann. Er drückt am Rücken herum, legt dem Patienten die Hände in den Nacken und zieht ihn zu sich. Ein Knacken ertönt. „Ah, herrlich!“ sagt der Mann. Die Blockade ist weg. „Vielen Dank, Herr Doktor!“ Nächster Patient. Der Mann ist von einer Katze gebissen worden. Die Hand ist geschwollen. „Da sind Keime drin“, sagt Rehlinger und fügt augenzwinkernd hinzu: „Die Tiere haben keine Mundhygiene.“ Der Patient bekommt Antibiotika.

Normaler Alltag in der Nunkircher Praxis. Irgendwie sieht es hier gar nicht aus wie beim Doktor. Die Sprechstundenhilfen tragen hellgrün. Eine Farbe, die sich durch die ganze Praxis zieht. Als sie vor acht Jahren errichtet wurde, habe man bewusst darauf geachtet, dass die Räume nicht zu steril wirken, erzählt Rehlinger. Seine Patienten sind zwischen 0 und 106 Jahre alt. Vom Wehwehchen bis zur Chemotherapie ist alles dabei.

Das Problem: Für die allermeisten ist nur wenig Zeit da. Der drohende Ärztemangel auf dem Land – auch und gerade hier in der Gegend um Wadern, die bereits jetzt als unterversorgt gilt – macht sich bemerkbar. „Die Belastung wird stärker“, sagt Rehlinger. Das zeigen auch die Zahlen: Vor drei Jahren, als unsere Zeitung die Nunkircher Praxis schon einmal besuchte, war von 1500 Fällen pro Quartal die Rede. Heute spricht Rehlinger von 2000 im vergangenen Quartal. Der Durchschnitt: 850 bis 900 Fälle. Und die große Ruhestandswelle steht erst noch bevor, wie der Präsident der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Gunter Hauptmann, zuletzt im Interview sagte. Demnach wird man in den kommenden fünf bis zehn Jahren im Saarland von einem echten Ärztemangel sprechen müssen.



Gegengesteuert wird bereits. Auch Rehlinger hat mittlerweile Unterstützung bekommen. So erhielt Arzthelferin Heike Jost eine so genannte ­Verah-Zusatzausbildung, finanziert aus einem Fonds der KV und der Krankenkassen. Nun erledigt sie eigenständig Hausbesuche, nimmt Blut ab, misst den Blutzuckerspiegel, wechselt Verbände. Alles in ständigem Austausch mit dem Hausarzt, „Verah“ steht für „Versorgungsassistent in der Hausarztpraxis“. „Das ist eine enorme Unterstützung“, sagt Rehlinger. Ihm stehen derzeit zwei Verahs zur Seite, eine dritte ist in Ausbildung. So hat Rehlinger etwas mehr Zeit für seine Patienten in der Praxis. Wie etwa für die 78-jährige Frau, die jetzt im Sprechzimmer sitzt und zum Routine-Check gekommen ist. „Dann gucken wir mal“, sagt der Arzt. Die Werte sind in Ordnung: Blut, Leber, Harnsäure, EKG. Nur der Blutdruck ist etwas hoch. „Hatten Sie Stress?“, fragt Rehlinger. „Nee, gar nicht.“ Die Verdauung sei in Ordnung. „Außer wenn ich Sahne, Milch oder Eis esse.“ Dann schildert die ältere Dame allerdings, dass sie zu Hause alleine nicht mehr so gut zurechtkommt. Rehlinger verspricht, dass die Verahs sich einmal bei ihr umschauen. Auch das gehört zu deren Aufgaben: das Lebensumfeld der zumeist älteren Patienten zu begutachten. Dabei geht es um Dinge wie ein seniorengerechtes Bad oder einen Sessellift. „Machen Sie mal Nägel mit Köpfen, was Sie zu Hause alles brauchen“, empfiehlt der Arzt.

„Das Gespräch ist ein wichtiger Teil der Therapie – zum Teil der wichtigste“, sagt Rehlinger. Das kostet Zeit, und Zeit ist eigentlich nicht vorhanden. „Ich nehme sie mir trotzdem. Aber ich habe immer das Gefühl, fremdgesteuert zu sein.“ Der Lohn für eine Wochenarbeitszeit zwischen 50 und 70 Stunden sei dann aber auch die hohe Wertschätzung der Patienten. „Es gibt viel Treue und Dankbarkeit.“ Außerdem, fügt der Mediziner halb im Scherz hinzu, warte bei ihm zu Hause ohnehin nur selten jemand mit dem Essen. Der Arzt ist mit der saarländischen Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) verheiratet. Auch sie hat meistens lange Arbeitstage.

Im Sprechzimmer verabschiedet sich die ältere Dame jetzt von ihrem Hausarzt. Sie kommt seit 16 Jahren zu Rehlinger, also seit er die Praxis führt. „Ich wechsle nicht gerne den Arzt“, sagt sie. Vertrauen spielt eine große Rolle. Auf dem Land ist die Beziehung oft sehr persönlich. „Viele sind mit dem Doktor per du“, sagt Rehlinger. Doch gerade dadurch gehen dem Arzt viele Dinge auch sehr nah: „Etwa ein- bis dreimal die Woche muss ich eine schlimme Diagnose erteilen.“ Das nehme er dann zum Teil schon mit nach Hause.

Es ist inzwischen früher Nachmittag. Zeit für einen Kaffee in der kleinen Praxis-Küche, die zugleich Rehlingers Büro ist. Hier erledigt er die Schreibarbeit, von der es übrigens immer mehr gibt. Doch zu viel klagen will er nicht. „Das ganze Gejammere bringt ja nichts.“ Im Gegenteil: Es schreckt junge Mediziner ab, sich auf dem Land niederzulassen. Ohnehin schon habe die Hausarztmedizin nicht den allerbesten Ruf. Sie sei zu lange belächelt worden, auch an der Uni, meint Rehlinger. Nach dem Motto: „Ein Hausarzt kann alles, aber nichts richtig.“ Auch die Arbeitsbelastung sei ein Problem. Hier müsse man gegensteuern, sagt Rehlinger. Vor allem mit Modellen, die den Ärzten auch ein Privatleben ermöglichen. „Von den jungen Leuten will heute keiner mehr von morgens um 7 bis abends um 21 Uhr arbeiten.“

Doch es ist auch nicht so, dass gar kein junger Mediziner mehr Hausarzt werden möchte: Ein paar Türen weiter hat Andreas Grub sein Büro. Der 32-Jährige bildet sich in der Praxis von Rehlinger zum Facharzt für Allgemeinmedizin weiter. „Ich will mich später als Hausarzt niederlassen“, sagt er. Natürlich sei auch ihm eine „Work-Life-Balance“ wichtig. Allerdings sei das mit dem Privatleben etwa im Krankenhaus oft noch schwieriger, gibt er zu bedenken. Außerdem schätze er an der Arbeit in einer Praxis einfach den Kontakt zu den Patienten.

Nun packt Grub seine Arzttasche. Gemeinsam mit Heike Jost geht es auf Hausbesuch. Für den jungen Arzt eine willkommene Abwechslung. So könne man sich ein Bild von der „sozialen Situation“ der Patienten machen. Dass es als Hausarzt um mehr als nur um Spritzen und Medikamente geht, hat auch Grub längst verinnerlicht.

Allgemeinmediziner Thomas Rehlinger betreute im vergangenen Quartal etwa 2000 Patienten – Tendenz steigend.
Allgemeinmediziner Thomas Rehlinger betreute im vergangenen Quartal etwa 2000 Patienten – Tendenz steigend. FOTO: Oliver Dietze