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Bürgermeister von Altena angegriffen
Ein Attentat aus Wut über eine liberale Flüchtlingspolitik

Am Tag nach dem Attentat im November zeigt Andreas Hollstein bei einer Pressekonferenz auf seine verbundene Wunde.
Am Tag nach dem Attentat im November zeigt Andreas Hollstein bei einer Pressekonferenz auf seine verbundene Wunde. FOTO: dpa / Oliver Berg
Hagen. Ende November attackierte ein Mann den Bürgermeister des sauerländischen Altena mit einem Messer. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten.

Der Mann wirkt schüchtern, fast fahrig, als das Hagener Landgericht den Prozess gegen ihn eröffnet. Ende November soll er in einem Döner-Imbiss den Bürgermeister von Altena im Sauerland mit einem Messer attackiert und dabei am Hals verletzt haben. Seit gestern muss er sich wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten.

Der 56-Jährige räumt die Tat ein. Was ihn dazu trieb, diese Frage wird das Gericht noch lange beschäftigen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mann aus Wut über die liberale Flüchtlingspolitik seiner Heimatstadt handelte. „Mich lässt du verdursten, aber holst 200 Ausländer in die Stadt“, soll er Bürgermeister Andreas Hollstein von der CDU entgegengeschleudert haben, ehe er das Messer mit 22 Zentimetern Klingenlänge aus einer Umhängetasche zog.

In einer schriftlichen Erklärung, die er seinen Verteidiger verlesen ließ, zeichnet der Angeklagte von sich jedoch ein gänzlich anderes Bild. Demnach handelte an jenem 27. November 2017 kein Rassist und Ausländerhasser, sondern vielmehr ein von Depressionen gebeutelter und von schweren Schicksalsschlägen getroffener Mensch.



„Ich bin nicht ausländerfeindlich gesinnt“, heißt es in der Erklärung. Er habe kurz vor der Tat gelesen, dass Altena freiwillig 200 Flüchtlinge aufnehmen wolle. Hätte es geheißen, dass der Bürgermeister 200 Deutsche unterstützen wolle, hätte sich sein Zorn wohl gegen diese Gruppe gerichtet.

Vor Jahren ist der 56-Jährige von seiner Frau verlassen worden. Sie zog ausgerechnet zu seinem besten Freund. Ein Jahr vor der angeklagten Tat verlor er auch noch seine Arbeitsstelle. „Ich hatte aber keine Kraft, mich arbeitslos zu melden“, teilt er dem Gericht mit. Die Folge: „Ich verwahrloste.“ Im Herbst 2017 sollen die Schulden schon so groß gewesen sein, dass dem Mann das Wasser abgestellt wurde. „Fortan musste ich mir täglich Wasser vom Friedhof holen“, schreibt der 56-Jährige in seiner Erklärung.

Als er den Bürgermeister in dem Döner-Imbiss traf, habe er spontan beschlossen, ihm das Messer an den Hals zu halten. Er habe Hollstein nicht töten wollen. Nicht einmal verletzen. „Er sollte wie ich Angst und Ausweglosigkeit fühlen“, so der Angeklagte. „Er sollte spüren, wie das ist, wenn man nicht weiß, ob man noch weiterleben kann.“

Heute will der gelernte Maurer aus Deutschland eingesehen haben, dass dies ein Irrweg war. „Die Tat war ein untauglicher Versuch, auf meine Missstände aufmerksam zu machen“, lässt er seinen Verteidiger vortragen. „Ich bin über mich selbst erschrocken und bedauere meine Tat zutiefst.“

Nachfragen des Gerichts will der Angeklagte zu Prozessbeginn nicht beantworten. Vielleicht sei er später dazu in der Lage, wenn sich seine Aufregung etwas gelegt habe, heißt es. Am 1. Juni wird der 56-Jährige erneut Andreas Hollstein gegenübertreten müssen. Für diesen Tag ist der CDU-Politiker als Zeuge geladen. Der Angeklagte hat ihm schon wenige Wochen nach der Messerattacke einen langen Brief geschrieben. Darin verspricht er Hollstein, dass er ihn und seine Familie nie wieder angreifen werde. „Wann auch immer meine Zeit im Gefängnis endet.“

Das Attentat auf den Stadtchef von Altena hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte mit Bestürzung auf den Anschlag.