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100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs
Im Gedenken vereint

An der Gedenkstätte nahe der nordfranzösischen Stadt Compiègne erinnert nun eine neue Plakette (s. unten) in französischer und deutscher Sprache an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.
An der Gedenkstätte nahe der nordfranzösischen Stadt Compiègne erinnert nun eine neue Plakette (s. unten) in französischer und deutscher Sprache an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. FOTO: dpa / Kay Nietfeld
Paris. Dutzende Staats- und Regierungschefs haben in Paris an den 100. Jahrestag des Waffenstillstands im Ersten Weltkrieg erinnert. Von Christine Longin

Die Szene erinnerte an einen Klassenausflug: Mehrere silberne Busse fuhren die Champs-Elysées entlang. Dutzende dunkelgekleidete Menschen stiegen aus und gingen wie eine langgezogene schwarze Linie gemeinsam auf den Triumphbogen zu. Es waren die Staats- und Regierungschefs von mehr als 80 Staaten sowie Vertreter internationaler Organisationen, die mit ihrem minutenlangen Marsch ein starkes Zeichen der Geschlossenheit der Völkergemeinschaft hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs setzten. Zwei fehlten allerdings auf diesem Familienfoto: Donald Trump und Wladimir Putin, die erst nach allen anderen auf der Ehrentribüne ankamen.

Vor allem an seine beiden eigenwilligen Gäste richtete sich Emmanuel Macron, als er um 11.50 Uhr bei strömendem Regen das Wort ergriff. In seiner zehnminütigen Rede geißelte er den Nationalismus, der in Europa im vergangenen Jahrhundert zu zwei Weltkriegen geführt hatte. „Patriotismus ist das genaue Gegenteil des Nationalismus. Der Nationalismus ist sein Verrat“, sagte der Präsident an die Adresse Trumps, aber auch aller Populisten in Europa. Der junge Staatschef bediente sich dabei der Worte von François Mitterrand, der schon sterbenskrank 1995 vor dem Europaparlament gesagt hatte: „Nationalismus heißt Krieg.“

Beeindruckend schilderte Macron die Welt von vor hundert Jahren, als nach vier Kriegsjahren mit zehn Millionen toten Soldaten am 11. November um elf Uhr der Waffenstillstand in Kraft trat. „Das scheint weit weg und ist doch erst gestern gewesen.“ Eindringlich warnte der 40-Jährige davor, noch einmal in die Zeit abzugleiten, in der nationale Interessen über den gemeinsamen stehen. „Die alten Dämonen stehen wieder auf, bereit, ihr Werk von Chaos und Tod zu vollenden.“ Deshalb beschwor Macron zum Ende seiner Ansprache den Wert der Fraternité, der Brüderlichkeit. „Die Brüderlichkeit lädt uns zu dem einzigen Kampf ein, der es wert ist, nämlich den für Frieden.“



Trump applaudierte den Worten des jungen Präsidenten und schien damit für einen kurzen Moment doch Teil jener vielfältigen Gemeinschaft zu sein, die sich am Arc de Triomphe versammelte. Der marokkanische König Mohammed VI. gehörte ebenso dazu wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Auf der Tribüne neben Merkel sitzend bot der US-Präsident ein versöhnliches Bild nach seinem aggressiven Auftritt am Freitagabend, als er gleich nach seiner Ankunft in Frankreich in einem Tweet Macron scharf angegriffen hatte. „Sehr beleidigend“ nannte Trump den Vorschlag seines Gastgebers, eine europäische Armee zum Schutz vor Russland zu schaffen. „Vielleicht sollte Europa zuerst seinen gerechten Anteil an der Nato bezahlen, die die USA erheblich bezuschussen!“ Macron versuchte bei einem Tête-à-Tête am Samstag, den Konflikt zu entschärfen. Wohl auch, um die Weltkriegszeremonie nicht zu gefährden.

Es war für Macron ohnehin ein Balance-Akt: Bewusst hatte Macron auf eine Militärparade verzichtet, um die Vertreter der besiegten Staaten, vor allem Deutschlands, nicht vor den Kopf zu stoßen. Es gehe nicht darum, den Sieg zu feiern, hieß es im Vorfeld aus dem Elysée. Stattdessen stellte der Präsident die deutsch-französische Freundschaft ganz klar in den Mittelpunkt der Zeremonie. Die protokollarischen Rücksichten reichten so weit, dass die Kanzlerin am gestern Morgen als Letzte im Elysée empfangen wurde, um dann als Ehrengast an der Seite Macrons zum Triumphbogen aufzubrechen. Am Nachmittag hielt Merkel die Eröffnungsrede eines Friedensforums, das von Trump boykottiert wurde.

24 Stunden vorher hatte die Bundeskanzlerin zusammen mit Macron in Compiègne des Waffenstillstands gedacht. Die an Gesten so reiche deutsch-französische Freundschaft wurde um eine weitere erweitert. Merkel war nämlich seit dem Zweiten Weltkrieg die erste Regierungschefin, die die historische Waldlichtung betrat, wo die deutschen Delegierten 1918 in einem Eisenbahnwagen den Waffenstillstand unterzeichnet hatten. 1940 ließ Adolf Hitler im selben Waggon Frankreich die Kapitulation unterschreiben. An dem symbolträchtigen Ort enthüllten Merkel und Macron eine Plakette, die zeigt, welch langen Weg Deutschland und Frankreich auf dem Weg zum Frieden hinter sich haben. Neben der alten Inschrift aus den 20er Jahren vom „Sieg über den deutschen Hochmut“ steht nun ein Wort über die Bedeutung der deutsch-französischen Aussöhnung – „im Dienste Europas und des Friedens“.