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US-Präsident in Nöten
Donald Trumps fatale Kehrtwende

Der Präsident in Erklärungsnot: Donald Trump traf sich gestern im Weißen Haus mit Journalisten und versuchte seine Russland-Aussagen zu relativieren.
Der Präsident in Erklärungsnot: Donald Trump traf sich gestern im Weißen Haus mit Journalisten und versuchte seine Russland-Aussagen zu relativieren. FOTO: dpa / Andrew Harnik
Washington. Er sehe keinen Grund, warum es Russland sein sollte, hatte der Präsident zu Wladimir Putin über die Manipulation der US-Wahl gesagt. Gestern behauptete er, das Gegenteil gemeint zu haben. Nur ein Missverständnis?

Der Druck seiner Gegner war einfach zu groß. Auch seine Verbündeten forderten eine „Korrektur“. Da musste auch ein Donald Trump mal reagieren – und er tat es. Es geht um seine irritierende Aussage beim Gipfel mit Kremlchef Wladimir Putin in Helsinki. Dort hatte er ein klares Bekenntnis zu den eigenen Geheimdiensten in Sachen Wahlbeeinflussung vermieden und stattdessen dem Dementi Putins mehr Gewicht gegeben. „Ich sehe keinen Grund, warum es Russland sein sollte“, hatte er damals gesagt.

Am Dienstagabend folgte dann die Korrektur. Seine Argumentation: Er habe sich schlichtweg versprochen und eigentlich sagen wollen: „Ich sehe keinen Grund, warum es Russland nicht sein sollte.“ Das „nicht“ habe er dann versehentlich weggelassen. Natürlich akzeptiere er die Erkenntnisse der eigenen Geheimdienste. Doch wie glaubhaft ist diese Schadensbegrenzungs-Offensive? Es gibt zahlreiche Indizien dafür, dass die Trump-Klarstellung weder von Herzen kommt noch die Wahrheit ist. Die Gründe dafür sind vielfältig:

Erstens – das Timing: Der US-Präsident brauchte 28 Stunden, um öffentlich den vermeintlichen Versprecher einzugestehen. Statt einer schnellen Reaktion auf die Kritiken hatte er zunächst trotzig diese auf Twitter als „Fake News“ bezeichnet. Wie Insider aus dem Weißen Haus jetzt US-Medien steckten, sollen nach dem Helsinki-Fiasko mehrere führende Mitarbeiter und auch Kabinettsmitglieder ihren Rücktritt für den Fall in Aussicht gestellt haben, dass der Präsident nicht zurückrudere. Eine Richtigstellung schon Stunden später hätte diese Personalkrise verhindert. Doch Trump habe stattdessen den Dienstag weitgehend damit verbracht, Wort für Wort seine Aussagen durchzugehen und einen Weg zu finden, seinen Putin-Schmusekurs zu relativieren. Am Ende sei dann nur die „Versprecher“-Variante geblieben.



Zweitens – der Kontext: Wenn es sich in Helsinki um einen puren Versprecher gehandelt hatte – warum erwähnte dann Trump im gleichen Atemzug, dass das Dementi Putins in Sachen Wahlbeeinflussung „extrem stark und kraftvoll“ gewesen sei? Diese Aussage macht viel mehr Sinn, wenn sie im Zusammenhang mit der Original-Bemerkung Trumps gesehen wird. Zudem hatte es sich der US-Präsident geleistet, das FBI und die US-Justiz bei dem Auftritt zu kritisieren. Das alles spricht gegen eine klare Schuldzuweisung in Richtung Moskau.

Drittens – die Relativierungsversuche: Beim Ablesen seiner Erklärung am Dienstag, die die Wogen glätten sollte, stellte er auch gleich wieder in typischer Trump-Manier seinen Korrekturversuch und die Schuld des Kreml in Frage. „Es könnten auch andere Leute sein. Es gibt jede Menge andere Leute da draußen“, hatte Trump, von seinen gedruckten Bemerkungen abweichend, gesagt. Sprich: Neben Russland kämen auch andere Übeltäter in Frage. Wen er damit ebenfalls als potenziellen Urheber einer Wahl-Beeinflussung sieht, ob er da eventuell – rein theoretisch – an Liechtenstein, Monaco, Mauritius oder sogar Deutschland denkt –  das ließ der US-Präsident offen. Zudem ließ Trump bei seinem Korrekturversuch, wie Fotos des vierseitigen Präsidenten-Statements beweisen, den zuvor eigentlich fest geplanten Satz aus: Er wolle jeden, der in die Wahleinmischung verwickelt sei, zur Gerechtigkeit bringen.

Viertens – die Vergangenheit: Schon beim Großbritannien-Besuch in der vergangenen Woche hatte der der Wahrheit nicht allzu sehr verbundene US-Präsident zu dementieren versucht, was nicht dementiert werden kann. Trump hatte in einem Zeitungsinterview mit der britischen „Sun“ die „Brexit“-Strategie von Theresa May und die Handelsstrategien der Premierministerin scharf kritisiert, was in London als massiver Affront empfunden wurde. Das Blatt nahm die Aussagen auch auf Tonband auf. Bei einer Pressekonferenz mit May behauptete Trump dann mit außergewöhnlicher Chuzpe, die gedruckten Interviewaussagen und die May-Kritik seien lediglich „fake news“ – und dass die Tonbandaufnahmen dies stützen würden. Die „Sun“ stellte dann den Originalton ins Netz und überführte den US-Präsidenten öffentlich der Lüge. Denn er formulierte unter anderem: „Ich habe Theresa May gesagt, wie sie den Brexit machen sollte. Aber sie hat nicht zugestimmt. Sie hat nicht auf mich gehört.“