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Digitale Bildung
So normal wie Zähneputzen

Mainz. Während manche Schule das digitale Lernen im Land lobt, hinken andere hinterher. Von Florian Schlecht

Digitaler Unterricht? Für Schüler des Balthasar-Neumann-Technikums in Trier scheint das in Zeiten des Coronavirus ein Klacks zu sein. „Bei nahezu 90 Prozent unserer Schüler sind Rechner genauso normal wie eine Zahnbürste“, sagt Schulleiter Michael Schäfer. Bei sozialen Härtefällen stelle die Schule die Geräte. „Die Schüler sind in ihrer Generation einfach zugänglich für digitalen Unterricht, weil sie ohnehin mit anderen regelmäßig skypen und chatten“, sagt Schäfer.

Lernangebote seien in der ersten Woche gut angenommen worden. Die Schule arbeitet besonders mit drei digitalen Tools: Moodle ist eine vom Land gepflegte Plattform. WebUnits ermöglicht Lehrern, Material via Word, PDF und Links zu übersenden. Alfa View ist eine Konferenz-Software, bei der sich Lehrer und Schüler via Webkamera  interaktiv in ein virtuelles Klassenzimmer schalten können, sagt Schäfer. Der Lehrer sehe dort alle Schüler auf einem Monitor und könne sie sogar mündlich prüfen. Bei der Frage nach der Anwesenheit sagt Schäfer: „Ich bin kein Lehrer-Polizist und mache keine Screenshots zur Anwesenheit. Ich vertraue auf die Vernunft der Schüler, obschon wir uns ein Bild der Aktivitäten verschaffen können.“

Spielt die Trierer Schule mit ihrer Ausrüstung wohl in der digitalen Champions League in Rheinland-Pfalz, hecheln andere dem Feld hinterher. „Bislang gleicht der digitale Unterricht einem bunten Blumenstrauß: Jede Schule macht, was sie will“, sagt Oliver Pick, Landesvize des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), der eine Grundschule in Idesheim (Eifelkreis Bitburg-Prüm) leitet. Pick sagt: „Es gibt Lehrer, die eine Hausaufgabenüberpüfung online schreiben lassen. Andere arbeiten mit einem Ferienheft, haben Material kopieren und es von Eltern abholen lassen.“ Digitaler Unterricht finde Grenzen – in der Ausstattung und in der Internet-Geschwindigkeit im jeweiligen Ort. „In Idesheim bekommen wir einen Hochgeschwindigkeitsanschluss. Wenn ich jetzt aber eine Kollegin dort hinsetzen würde, um den Unterricht auf der Tafel zu streamen, würde die Verbindung abbrechen“, moniert Pick.



Regionalelternsprecher Reiner Schladweiler aus Temmels sagt: „Jetzt erkennt man Versäumnisse der letzten Jahrzehnte in der digitalen Ausstattung der Schulen.“ Schladweiler sieht bislang Licht und Schatten. Er verweist auf gute Ideen wie von der IGS Salmtal, die Wochenpläne für Schüler online per PDF zum Runterladen anbiete. Und er moniert: „Es gibt Schulen, an denen der digitale Unterricht nicht funktioniert, weil nicht alle Moodle nutzen und Verbindungen in Spitzenzeiten häufig abbrechen.“ Schladweiler fordert, die Corona-Krise zu nutzen, „um eine landesweit einheitliche Digitalisierung umzusetzen“. Auch in der Ausbildung von Lehrern müsse digitaler Unterricht eine größere Rolle spielen, erwartet Bernd Karst vom Verband Reale Bildung.

Eine Sprecherin des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums verweist auf eine „nie dagewesene Situation“, auf die Schulen aber „hervorragend“ reagiert hätten. „Von Grundschulen, die ihren Schülerinnen und Schülern Pakete packen über genutzte E-Mail-Verteiler bis hin zu weiterführenden Schulen, die über Plattformen digital arbeiten, erleben wir momentan alles, und das ist sehr gut so“, heißt es aus dem Mainzer Ministerium. Wo es hake, da steuere das Land nach.

Mehr als die Hälfte der 1600 Schulen, so hieß es bislang vom Land, sei an digitale Lernplattformen angeschlossen. Eine Ausweitung auf Biegen und Brechen deutet sich in den kommenden Wochen nicht an – Corona-Gefahr. „Es macht zu diesem Zeitpunkt keinen Sinn, Schulen zwangsweise auf digitale Plattformen zu bringen, ohne dass eine Einführungs- oder Einarbeitungsphase erfolgen kann, weil es jetzt darum geht, soziale Kontakte zu minimieren“, sagt die Ministeriumssprecherin. „Und diese Einführungs- und Einarbeitungsphase ist notwendig, sowohl für die Lehrkräfte, die mit dem System arbeiten müssen als auch für die Schülerinnen und Schüler, die zu Hause sitzen und gegebenenfalls nicht genau wissen, wie sie mit dem System umgehen sollen“, heißt es vom Land.

Lehren dürfte die Kultusministerkonferenz (KMK) allerdings aus der Corona-Krise ziehen. Deren Vorsitzende Stefanie Hubig – zugleich Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz – sagte dem Deutschlandfunk am Montag zwar, die erste Woche nach den Schulschließungen habe gut funktioniert. Mit Blick auf die Digitalisierung gab sie aber zu: „Nicht alle Schulen sind so weit, wie wir uns das wünschen und wie es in der Situation hilfreich wäre.“

Wie geht es weiter an der Schule meines Kindes? Regionalelternsprecher Reiner Schladweiler rät Elternvertretern und deren Stellvertretern, sich in einem Portal erfassen zu lassen, um Väter und Mütter schnell zu informieren. Der Link: https://portale.bildung-rp.de/eip/register