| 23:17 Uhr

Digitalisierung im Gesundheitswesen
Die Patientenakte der Zukunft heißt „Vivy“

Mainz/Berlin. Mehr als 13, 5 Millionen Deutsche sollen ihre Gesundheitsdaten von nun an online verwalten können. Ein Meilenstein, der auch in der Region für Euphorie sorgt. Von Fatima Abbas

Ein Klick zum App-Store, dann noch ein Klick. Und noch ein Klick. Und wer jetzt noch den Link aktiviert und auf den Code wartet, kommt der Sache gleich ein bisschen näher.

Zu mühsam, um gut zu sein? Das wird sich noch zeigen. Die Macher der neuen Gesundheitsapp sind jedenfalls jetzt schon überzeugt: Sie wird das Leben leichter machen – und zwar für mindestens 13, 5 Millionen Menschen in Deutschland.

„Vivy“ heißt das digitale Allround-Talent, das es in dieser Art noch nie gegeben hat. Mit ihr („Vivy“ ist laut seinen Erfindern weiblich) können Krankenversicherte seit gestern kostenlos Laborwerte, Röntgenbilder und alle anderen Gesundheitsdaten online speichern, um sie jederzeit abzurufen. Eine Digitaloffensive, zu der sich 14 gesetzliche Krankenkassen und zwei private zusammengeschlossen haben – unter anderem DAK, IKK, Allianz und Barmenia. „Der Trend geht eindeutig zu digitalen Angeboten. Service-Zentren werden immer weniger genutzt“, sagt Claus Uebel, Sprecher der DAK Gesundheit für das Saarland mit 80 000 Versicherten. Er erklärt auch, warum man „Vivy“ nicht wie andere Apps einfach herunterladen und direkt nutzen kann: „zum Schutz der Daten.“



Weder die Versicherer noch der beteiligte IT-Dienstleister Bitmarck hätten Zugriff darauf. Bei jeder Datenübertragung gebe es mehrstufige Sicherheitsprozesse. „Vivy“ sei als sichere Plattform zertifiziert und als Medizinprodukt zugelassen, versichern mehrere der beteiligten Kassen auf SZ-Anfrage. Die IKK Südwest erklärt, dass Patienten ihren Arzt freischalten müssen, wenn dieser Befunde oder Daten selbst hochladen soll. Ansonsten entscheide allein der Versicherte darüber, wie viele Daten er in der App hinterlassen möchte. Das können dann beispielweise Blutwerte, Impftermine oder auch anstehende Gesundheitschecks sein. Laut einer Forsa-Umfrage wissen mehr als zwei Drittel der Bundesbürger (69 Prozent) nicht, wann ihr nächster Impftermin ist. 43 Prozent kennen die für sie empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen nicht. Jeder vierte Befragte hat bereits Mehrfachuntersuchungen erlebt, weil Ergebnisse aus anderen Praxen und Kliniken nicht vorlagen.

Aber auch für Patienten, die mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen müssen, könnte sich „Vivy“ lohnen: Über das Scannen von QR-Codes kann die App die Wechselwirkungen prüfen. Wenn ein Arzneimittel nicht mit einem anderen kompatibel ist, schlägt das System Alarm. Auch Fitness-Tracker lassen sich mit „Vivy“ verbinden. „Gerade Männer, die ja gemeinhin als Gesundheitsmuffel gelten, könnten mit Spielereien wie der Ermittlung des biologischen Alters gesundheitsbewusster werden“, hofft IKK-Südwest-Sprecher Martin Reinicke. „Vivy“ ist das Angebot der Zukunft, davon sei er „felsenfest überzeugt“.

Im Juli befragte die IKK Südwest 1800 Versicherte aus dem Saarland und Rheinland-Pfalz zu ihrer Einstellung zur digitalen Gesundheitsakte. Ergebnis: „Der Bedarf an papierlosem Handling ist groß. Aber nur, wenn Datensicherheit gewährleistet ist“, sagt Reinicke. Darauf weist auch das Saar-Gesundheitsministerium hin, das die neue App begrüßt – sollten die Krankenkassen gewährleisten können, dass „ein Datenmissbrauch ausgeschlossen ist“. Wie die Behörde auf SZ-Anfrage mitteilt, sind weder das Bundesgesundheitsministerium noch die Länder-Ministerien für eine inhaltliche Prüfung verantwortlich. Ärztekammer-Chef Josef Mischo wünscht sich deshalb auch Schulungen für Patienten, um den Umgang mit Apps wie „Vivy“ zu erlernen. Schließlich sei die digitale Krankenakte das Patientenformular der Zukunft.

Ein Bewusstsein, das bei AOK und Techniker Krankenkasse (TK) schon länger Einzug gehalten hat. Beide Versicherer haben sich bewusst nicht an „Vivy“ beteiligt, weil sie bereits vor Monaten mit eigenen Projekten vorgeprescht waren.

Den digitalen Datentresor der TK nutzten mittlerweile mehr als 30 000 Versicherte im Testbetrieb, teilt die TK Saarland auf SZ-Anfrage mit. Es kämen täglich 500 Nutzer dazu. Was die TK-Akte von „Vivy“ unterscheidet: Die Nutzer starten nicht mit einer leeren Datenbank, sondern können sich auf Wunsch Informationen wie die Impfhistorie oder verschreibungspflichtige Medikamente vom Versicherer auf die Plattform schreiben lassen.

Das Gesundheitsnetzwerk der AOK, das bisher nur Pilotprojekte in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin hat, konzentriert sich in erster Linie auf die Vernetzung zwischen Arzt, Patient und Klinik. In der Bundeshauptstadt werde beispielsweise der Online-Datenaustausch zwischen Geburtskliniken und werdenden Müttern getestet, erklärt AOK-Sprecher Peter Willenborg. Die Versicherten im Saarland hätten bislang noch nichts davon. Doch das werde sich „angesichts der hohen Nachfrage vor allem bei älteren Menschen“ ab 2019 ändern.