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Weltkulturerbe Völklinger Hütte
„Die Trägheit im Saarland ist sehr groß“

Goldjunge: Meinrad Maria Grewenig in seinem Dienstzimmer mit einem Probeguss der Arbeiterfiguren von Ottmar Hörl, die im Zuge des „Second-Life“-Projekts im Völklinger Weltkulturerbe zu sehen sind. Links und rechts weitere Hörl-Entwürfe. Grewenig ist seit 1999 Chef der alten Völklinger Hütte, wo er spektakuläre, aber auch umstrittene Ausstellungen inszeniert.
Goldjunge: Meinrad Maria Grewenig in seinem Dienstzimmer mit einem Probeguss der Arbeiterfiguren von Ottmar Hörl, die im Zuge des „Second-Life“-Projekts im Völklinger Weltkulturerbe zu sehen sind. Links und rechts weitere Hörl-Entwürfe. Grewenig ist seit 1999 Chef der alten Völklinger Hütte, wo er spektakuläre, aber auch umstrittene Ausstellungen inszeniert. FOTO: Ruppenthal
Völklingen. Der Völklinger Welterbe-Chef will touristisch ein größeres Rad drehen. Und fordert dazu Unterstützung vom Land und von Kulturinstitutionen. Von Oliver Schwambach und Thomas Sponticcia

Fast zwei Jahrzehnte ist Professor Meinrad Maria Grewenig Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Mit spektakulären Ausstellungen, die teils über 200 000 Besucher lockten, hat er das alte Eisenwerk auch international bekannt gemacht. Der 64-Jährige gilt jedoch vielen als sehr eigener Kopf. Kritiker halten ihm auch vor, die eigentliche Industriekultur und Geschichte der Arbeit, die sich mit dem Denkmal verbindet, erst sehr spät in den Blick genommen zu haben. Mit unserer Zeitung besprach Grewenig, welche Ideen er noch hat, warum er seinen Vertrag gern verlängern würde und wie er gegen die Das-war-schon-immer-so-Mentalität angehen will.

Das Weltkulturerbe hat sich unter Ihrer Leitung zum viel beachteten Ausstellungsort entwickelt. Die Besucher kommen aus ganz Europa in die Region. Können wir noch mehr Menschen an die Saar locken?

GREWENIG Da bin ich sicher. Die Völklinger Hütte ist etwas ganz Besonderes. Einerseits ist sie ein Ort, der die Geschichte unseres Landes von Eisen und Stahl als herausragendes Denkmal, als die größte museale Maschine der Welt erlebbar macht, andererseits ist die Völklinger Hütte durch ihre Ausstellungen ein Portal zu den großen Weltkulturen, sie ist Mekka der Urban Art und gleichzeitig das gigantische Science Center Ferrodrom. Diese Kombination gibt es in dieser Form nirgendwo anders. Mich hat die Aufgabe, diesen Standort mit neuem Leben zu erfüllen, von Anfang an fasziniert. Und die Völklinger Hütte ist für mich bis heute ein brennendes Anliegen.



Wie sehen Sie Ihre bisherige Bilanz?

GREWENIG Ich denke, ich habe bisher alles erreicht, was ich verwirklichen wollte, wenn auch manches mit Verzögerung. Man muss ja schließlich auch immer wieder viele Entscheidungsträger im Saarland überzeugen, vor allem, wenn es um neue Projekte und deren Finanzierung geht. Nach meiner Überzeugung brauchen wir aber zusätzlich zum Weltkulturerbe weitere Kulturprojekte mit ähnlicher professioneller Ausrichtung, wenn wir noch mehr Menschen zu uns in die Region locken wollen.

An was denken Sie?

GREWENIG Wir wissen aus unseren Befragungen, dass 95 Prozent der Gäste, die von außerhalb des Saarlandes das Weltkulturerbe besuchen, wegen uns kommen, nach dem Besuch der Völklinger Hütte aber direkt wieder wegfahren. Diese Menschen könnten länger hier gehalten werden. Hätten wie nur zwei, drei ähnliche Projekte, die mit dem gleichen Anspruch wie wir nach außen kommunizieren, hätten wir im Saarland leicht viele hunderttausende Besucher mehr.

Was schlagen Sie vor?

GREWENIG Ich setze zum Beispiel sehr auf das, was jetzt in der neuen Modernen Galerie passiert. Zudem hoffe ich, dass es im Saarland gelingt, eine neue Sommerproduktion auf die Beine zu stellen. Ich denke an eine Oper oder ein Musical.

Reicht Ihnen nicht, was Joachim Arnold im Merziger Zeltpalast macht?

GREWENIG Joachim Arnold ist ein sehr guter Promoter für seine Sache. Aber seine Produktion deckt nur einen Teil des Sommers ab. Für Kultur-Projekte, die weit in die Republik ausstrahlen sollen, brauchen wir eine erweiterte Infrastruktur, was erheblich mehr Vernetzung von Akteuren bedeutet.

Die notwendige kritische Größe hat der Merziger Zeltpalast also nicht?

GREWENIG Vom Thema her ja, von der Gesamtproduktion her noch nicht.

Und eine solche Sommerproduktion im Weltkulturerbe?

GREWENIG Wenn die entsprechende Infrastruktur und die finanzielle Grundausstattung da wäre, sind die Voraussetzungen zur Umsetzung gegeben. Europaweit kommunizieren können wir sehr gut.

Könnte das ein Sommerfestival sein, wo Opernstars auftreten?

GREWENIG Ja. Ich denke, dass unser Denkmal dafür genau der richtige Ort wäre. Zumal wir alleine mit unseren letzten Projekten rund 190 000 Übernachtungen erreicht haben. „Rigoletto“, die Kooperation von Saarländischem Staatstheater Saarbrücken und Weltkulturerbe Völklinger Hütte, hat dies deutlich gezeigt. Wenn es uns in einer gemeinsamen Kraftanstrengung auch unter Mithilfe des Landes gelingen würde, fünf Mal so viele Besucher in die Region zu locken, also rund eine Million, dann wären die Finanzprobleme unseres Landes quasi erledigt. Davon bin ich überzeugt. Wir brauchen dazu aber Themen, die in Europa einmalig sind. Dass wir zum Beispiel die Ausstellung „Inka Gold“ in einem Industrie-Kulturdenkmal in der Gebläsehalle realisiert haben, ist schon eine sehr spektakuläre Kombination, die bei Menschen etwas bewirkt.

Wie lässt sich sowas machen?

GREWENIG Zum Beispiel mit Hilfe des Saarländischen Staatstheaters. Das hat im Sommer, in der die Menschen reisen und unterwegs sind, Pause. Die Produktionen sind bislang auf ein Abonnementtheater ausgerichtet, das auf im Saarland ansässige Menschen setzt. Mit diesem Konzept ist das Theater jedoch nicht auf Touristen ausgerichtet. Die größten kulturwirtschaftlichen Effekte für das Land bringen jedoch genau die Besucher, die aus über 100 Kilometern Entfernung anreisen und neues Geld ins Land bringen. Sie produzieren durch Übernachtungen, Essen und Einkäufe Kaufkraft-Zuwächse, die dem Land nutzen. Wir haben im Weltkulturerbe Völklinger Hütte nachgewiesen, dass die regionalwirtschaftlichen Effekte von professionell gesteuerten Kultureinrichtungen mit touristischer Orientierung im achtstelligen Bereich liegen und viele Hundert Arbeitsplätze schaffen und erhalten.

Was wäre wichtig für eine erfolgreiche Sommerproduktion?

GREWENIG Der Wille des Landes. Wir reden hier über ein Kulturdesign für das Saarland. Ich würde mir wünschen, dass das Land eine solche Idee unterstützt. Es verursacht allerdings allen Beteiligten Arbeit, ist extrem anstrengend und aufwändig. Und es müssen Personen gefunden werden, die das durchziehen, auch mit einem öffentlichen Auftrag. Deshalb sehe ich noch ein großes Problem, oder besser eine große Herausforderung, um ein solches Projekt auf den Weg zu bringen: Die Trägheit und das Beharrungsvermögen im Land sind sehr groß. Zu oft heißt es, das haben wir immer schon so gemacht.

Neben Sommerevents könnte auch eine attraktivere Aufarbeitung des Bergbaus locken.

GREWENIG Wir brauchen eine für jedermann verständliche Aufarbeitung dieses Themas, die möglichst viele Menschen erreicht. Schließlich hat der Bergbau das Saarland über 200 Jahre geprägt und Wohlstand in dieses Land gebracht. Wir brauchen mindestens einen Ort, wo der Bergbau mit seiner Geschichte weiterhin sichtbar ist und als Andenken erhalten wird.

Welcher Ort bietet sich dafür an?

GREWENIG Velsen wäre direkt nutzbar. Da findet man alles, was an den Bergbau erinnert. Dort kann man ihn noch erfahren. Zudem brauchen wir mindestens einen Standort, dessen Fördergerüst noch erlebbar ist, dazu den Saarkohlewald. Die Bergehalden an der Saar sind sehr beeindruckend und von einer Dichte, wie sie nicht einmal in Nordrhein-Westfalen existiert. Das alles zusammengenommen ist aus meiner Sicht eine spektakuläre und europaweit einmalige Kombination aus Industriekultur und Natur.

Wäre es nicht sinnvoll, die Großregion Saarland-Lothringen-Luxemburg gemeinsam zu vermarkten?

GREWENIG Es gibt hier Grenzen, vor allem die Sprachbarriere, die immer noch sehr mächtig sind. Wir arbeiten mit dem Centre Pompidou in Metz zusammen und dem Mudam in Luxemburg. Man muss aber eins klar sehen: Wir sind Freunde, aber auch Konkurrenten. Man muss sich am Ende auch fragen, wer wirklich profitiert, wenn mehr Menschen zu uns kommen. Eine Zusammenarbeit macht nur auf Augenhöhe Sinn. Und für diese Kulturprojekte brauchen wir Menschen, die antreiben. Wenn die nicht da sind, ist das alles eine schöne Vorstellung, aber sie wird nie Wirklichkeit.

Wenn wir schon bei Vorstellungen sind: Ihr direktes Umfeld des Weltkulturerbes, die Stadt Völklingen, bietet wenig Erfreuliches.

GREWENIG Die Realität in Völklingen sieht düster aus. Was haben wir hier heute überhaupt noch außer dem Weltkulturerbe? Früher gab es noch ein gutes Bekleidungsgeschäft und hochwertige Gastronomie. Heute haben wir noch Friseurläden, eine Eisdiele, ein paar gute Italiener, und türkische Läden. Die bekannten exzellenten Weinhändler sind noch ein Lichtblick. Dann fällt es mir schon schwer, weiteres zu nennen. Es kann aber nicht sein, dass das Weltkulturerbe immer größer und wichtiger wird, während in Völklingen alles immer kleiner und weniger wird. Hier muss ein klarer Wille her, wichtige Angebote zu erhalten und weiterzuentwickeln. Ich habe in nächster Zeit in dieser Sache einen Termin mit der neuen Oberbürgermeisterin.

Vielleicht will ja auch angesichts dieses Abstiegs keiner mehr nach Völklingen...

GREWENIG Das hängt alles zusammen. Je mehr an Angeboten rausbricht, desto weniger will jemand in die Stadt. Wir haben zwar Kindergärten, Schulen und Gymnasien, aber wir diskutieren auch schon 20 Jahre darüber, was man in Völklingen für Besucher öffnen könnte. Die Stadt hat an uns den Wunsch herangetragen, am Weltkulturerbe ein großes Schild mit dem Hinweis auf die Innenstadt aufzustellen. Ich stelle kein Schild auf, so lange es nicht drei Orte in der Stadt gibt, wo Besucher sich zu geregelten Zeiten etwas anschauen können. Es nutzt nichts, wenn die Eligiuskirche, die Versöhnungskirche und das alte Rathaus verschlossen und nur zu unregelmäßigen Zeiten geöffnet sind. Wer das erlebt, postet es im Internet. Stellen Sie sich mal vor, was das an Schaden anrichtet, wenn wir von unseren Besuchern jährlich nur 100 000 tatsächlich in die Innenstadt bringen und dann diese ihre Eindrücke schildern, negative Nachrichten werden fünfzehn Mal so häufig gepostet wie positive: Wir hätten einen riesigen Shitstorm von 1 500 000 negativen Bemerkungen.

Sie sagen, dass Sie gern im Saarland leben. Was gefällt Ihnen?

GREWENIG An erster Stelle das Lebensgefühl. Die Menschen sind offen. Ich habe früher in Regionen gelebt, in denen es deutlich schwieriger war, Kontakte zu knüpfen. Hier an der Saar kann man auch gut essen, die Kulturlandschaft ist bemerkenswert. Ich gehe gerne ins Staatstheater und in die Museen. Ich möchte eigentlich auch nicht wegziehen.

Was ja auch nicht sein muss. Es gibt Anzeichen, dass Ihr Vertrag, der nächstes Jahr auslaufen würde, verlängert werden könnte. Ist das schon in trockenen Tüchern?

GREWENIG Es ist noch zu früh, darüber zu reden. Für mich persönlich steht allerdings zweierlei fest: Ich habe mir generell vorgenommen bis 70 zu arbeiten, meine Gesundheit ist sehr gut und ich erhalte regelmäßig attraktive Angebote von außen. Gerne würde ich hier vollenden, was für mich vor gut 20 Jahren mit dem Wechsel von Speyer nach Völklingen begonnen hat.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN
OLIVER SCHWAMBACH
UND THOMAS SPONTICCIA

Die Hütte immer im Blick: Aus seinem Dienstzimmer schaut man direkt auf das Völklinger Welterbe. Meinrad Maria Grewenig im Gespräch mit den Merkur-Mitarbeitern Thomas Sponticcia und Oliver Schwambach (rechts).
Die Hütte immer im Blick: Aus seinem Dienstzimmer schaut man direkt auf das Völklinger Welterbe. Meinrad Maria Grewenig im Gespräch mit den Merkur-Mitarbeitern Thomas Sponticcia und Oliver Schwambach (rechts). FOTO: Ruppenthal