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Gendersprache
Die Sprache mag keine Verrenkungen

Der Begriff „Gendersprache“ weist eigentlich schon den Weg zu der Institution, in die der Diskurs gehört: die Universitäten. Und, ja, vielleicht schafft es die ein oder andere genderlinguistische Regelung tatsächlich in die Amtsstuben. Von Iris Neu-Michalik

In der Gesellschaft wird die Debatte um Gender-Sternchen, Unterstrich und Binnen-I wohl nicht ankommen. Sie wird eine akademische bleiben, die mitunter seltsame Blüten treibt, wie aus diversen Blogs ersichtlich wird, in denen etwa das große Binnen-I (BürgerInnen) von einem Teil der DiskutantInnen als zu „phallisch“ – also männlich –  verschmäht, von anderen wiederum als  „rebellisch“ gerühmt wird. Auch Unterstrich und Sternchen (Bürger_*innen) schneiden nicht gut ab, wofür nicht nur das hässliche Schriftbild verantwortlich ist: Ersterer gilt vielen als zu flach und defensiv. Zumal er ebenso wie das Sternchen die Frau auf den Platz hinter den Mann („Freund*innen“) verbannt, womit wir mit der Gendergerechtigkeit also wieder (fast) am Anfang wären. Ein  tragischer Befund, wenn es stimmt, dass Sprache Denken beeinflusst. Wenn umgekehrt aber das Denken unsere Sprache steuert, wie andere mutmaßen, haben wir eindeutig bessere Chancen auf sprachliche Gender-Gerechtigkeit. Vor Angela Merkel etwa war der Begriff „Kanzlerin“ quasi nicht existent. Heute ist er selbstverständlich. Die Sprache ist widerspenstig und trotzt mutwilligen Verrenkungen. Aber sie lässt sich von der gelebten Gegenwart verführen.

FOTO: SZ / Robby Lorenz