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„Gelbwesten“ in Frankreich
Ein Land auf der Suche nach sich selbst

Paris. Die Proteste der „Gelbwesten“ haben Frankreich schwer erschüttert. Sie stellen die Grundwerte von Gleichheit und Brüderlichkeit in Frage. Von Knut Krohn

Die Franzosen sind stolz auf ihre Grande Nation. Liberté, égalité, fraternité – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – heißen die Säulen, auf denen die Republik ruht. Doch das Fundament zeigt Risse. Wie steht es tatsächlich um Gleichheit und Brüderlichkeit in einem Land, in dem die sozialen Unterschiede seit Jahrzehnten immer größer werden? In dem sich weite Teile der Bevölkerung ignoriert fühlen von der fernen Machtzentrale in Paris?

Die „Gilets Jaunes“ sehen sich als Vertreter dieser abgehängten Klasse und sie schreien ihre Wut den Mächtigen ins Gesicht. Ging es anfangs lediglich um Proteste gegen eine Preiserhöhung für Diesel, stellen die „Gelbwesten“ inzwischen die Grundfesten der französischen Republik in Frage. Und es ist ihr Verdienst, dass sie die französische Gesellschaft in Bewegung gesetzt haben. Allerdings ist es nicht jene Bewegung im Sinne von Emmanuel Macrons politischem Zusammenschluss „La République en Marche“. Eines Landes also, das sich hoffnungsfroh und strammen Schrittes auf dem Weg in die Zukunft macht. Es ist ein zweifelndes Frankreich, ein Land, das sich auf die Suche nach sich selbst gemacht hat.

An Erklärungsversuchen der Lage mangelt es in diesen komplizierten Zeiten nicht. Es gibt inzwischen wohl keinen Schriftsteller, Philosophen oder Soziologen im ganzen Land, der seit dem Beginn der Proteste am 17. November nicht seine Sicht auf die Dinge kundgetan hat.



Ein Name fällt in den Debatten immer wieder: Pierre Bourdieu. Der im Jahr 2002 verstorbene Soziologe hat sich bereits Anfang der 1990er Jahre in die französische Provinz begeben und den Menschen unermüdlich Fragen gestellt. Am Ende stand das Buch „Das Elend der Welt“, ein Wälzer von fast 1000 Seiten. In jenem Werk aus dem Jahr 1993 sind die Antworten auf die Frage zu finden, weshalb die Menschen in diesen Monaten zu Zehntausenden auf die Straßen gehen. Es ist eine Studie über menschliche Ausgrenzung, sozialen Abstieg und fehlende Zukunftsperspektiven. In den Interviews mit Bourdieu reden frustrierte Lehrer, erschöpfte Schichtarbeiterinnen, überforderte Beamte, verzweifelte Kleinunternehmer und entnervte Bauern über ihre kleinen und großen Sorgen. Befragt wurden Menschen, die damals schon lebten wie heute Priscilla Ludosky, die junge Frau aus Savigny-le-Temple unweit von Paris. Sie hat mit einer Online-Petition gegen die Anhebung des Benzinpreises Anfang vergangenen Jahres die Bewegung der „Gelbwesten“ erst in Gang gebracht.

Verblüffend ist also, dass der Kern des Problems längst benannt ist und all die Jahre dennoch kaum etwas dagegen unternommen wurde. Dieses Erstaunen zieht sich durch fast alle Wortmeldungen. Immer wieder wird deutlich, dass Intellektuelle und Politiker zwar gerne die nun aufbegehrende französische Arbeiterklasse zitieren, sie aber allenfalls als Vehikel für ihre eigenen politischen Forderungen ins Feld führen. Da werden die ärmeren Schichten – je nach Bedarf – zu ehrlichen Arbeitern oder faulen Lumpen, zu unschuldigen Bürgern oder rassistischen, schwulenfeinlichen Schlägern.

Édouard Louis, 26 Jahre alt und ein Shootingstar der Literaturszene, beschreibt diesen Zustand in seinem Buch „Wer hat meinen Vater umgebracht“. In seinen Augen ist Politik für die Oberschicht ein theoretischer Ort, ein Platz für Debatten und Diskurse. Für einen einfachen Arbeiter wie seinen Vater könne Politik aber etwas sehr Konkretes sein und bedeuten, dass er von einem Tag auf den anderen keine Arbeit mehr hat. Es ist diese Authentizität der Aussagen des Proletariersohnes, die Édouard Louis als Gesprächspartner gerade so begehrt machen.

Ähnliches berichtet auch Nicolas Mathieu in „Leurs enfants après eux“. Ein Roman aus dem Jahr 2018, in dem er das Leben der Jugend während der 90er Jahre in den kleinen und mittleren Städten der französischen Peripherie beschreibt, dort wo in jenen Jahren die fundamentalen Entscheidungen der Wirtschaftslenker aus dem fernen Paris in voller Härte spürbar wurden, wo die Hochöfen erloschen und die Fabriken ihre Tore dichtmachten. Das gesamte Leben jener Menschen habe sich damals nach dem Rhythmus der immer gleichen Schichten in den Fabriken gerichtet, sagt der Autor. Doch als die Wirtschaft liberalisiert und die Märkte geöffnet wurden, brach diese Sicherheit in sich zusammen. Und heute, erklärt Nicolas Mathieu, wundert sich die Elite des Landes, dass diese frustrierten Arbeiter sich gelbe Westen überziehen, Straßen blockieren und die Globalisierung nicht als Chance, sondern als Gefahr betrachten.

Auch Christophe Guilluy, Geograph und Autor, sieht diesen tiefen Graben zwischen Stadt und Land. Er beschreibt die großen Metropolen als Trutzburgen. Paris sei von seinem eigenen französischen Hinterland weiter entfernt als von Amsterdam, London oder Barcelona. Es sei einfach, sagt Guilluy, in einem Straßencafé im Schatten des Louvre zu sitzen, über Umweltschutz zu diskutieren, dann in sein Elektroauto zu steigen und damit in den Bio-Markt einkaufen zu fahren. Er geht so weit zu behaupten, der Einsatz für den Schutz der Umwelt sei inzwischen zu einer Art gesellschaftlichem Unterscheidungsmerkmal geworden. Christophe Guilluy: Die Gilets Jaunes seien in den Augen der Stadtgesellschaft ungehobelte Klötze, die billige Zigaretten rauchten und alte Diesel führen.

In dieser Kakophonie der Experten meldete sich nun der Bürgermeister von Toulouse zu Wort. Jean-Luc Moudenc, dem Mann aus der Praxis, geht die ständige Unterscheidung in Stadt und Land gehörig auf die Nerven. Frankreich werde wie eine verzerrte Karikatur dargestellt, das müsse ein Ende haben. Die aktuellen Probleme beträfen alle Franzosen, schreibt der Lokalpolitiker in einem kurzen Text in der Tageszeitung „Le Figaro“. Auch in den Städten herrsche ein Mangel an guten Ärzten, die Schulen seien schlecht ausgestattet, das Leben teuer und die Infrastruktur teilweise in einem miserablen Zustand.

Die aktuelle Debatte erscheint ihm offenbar wieder einmal wie eine bloße Selbstbeschäftigung der Intellektuellen. Moudenc appelliert an die alten Tugenden der Republik: Einheit und Brüderlichkeit. Ganz Frankreich habe dieselben Probleme – nicht nur die Peripherie. Sein Appell: „Lasst uns endlich handeln – gemeinsam!“