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Analyse von Europol
Wie organisierte Drogenbanden zunehmend Europa bedrohen

Den Haag. Europol, die Polizeibehörde der Europäischen Union, spricht von 9000 Drogentoten jährlich und plädiert in diesem Zusammenhang für intensivere Ermittlungen. Von Annette Birschel

Die organisierte Drogenkriminalität stellt nach einer Analyse von Europol, der Polizeibehörde der Europäischen Union, eine wachsende Bedrohung für Europa dar. Produktion, Angebot und Handel würden immer mehr zunehmen, sagte der stellvertretende Direktor von Europol, Wil van Gemert, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Den Haag. „Es ist der größte kriminelle Markt in Europa.“ Eine internationale Expertenkonferenz wird sich ab dem morgigen Freitag bei Europol in Den Haag mit der Drogenkriminalität befassen und über neue Strategien und Zusammenarbeit bei den Ermittlungen beraten.

Von rund 5000 organisierten Verbrecherbanden in Europa ist nach Analyse von Europol rund ein Drittel im Drogengeschäft aktiv. Nach konservativen Schätzungen verdienen sie 24 Milliarden Euro im Jahr. „Wie gehen aber davon aus, dass es tatsächlich ein Vielfaches dieser Summe ist.“ Van Gemert leitet die Europol-Abteilung zum organisierten Verbrechen, Terrorismus und Cyber-Verbrechen. Nach einer Studie aus dem Jahr 2018 wird allein in den Niederlanden mit der Produktion und dem Handel von synthetischen Drogen knapp 19 Milliarden Euro im Jahr verdient.

Die Experten stellten in allen Bereichen der Drogenkriminalität eine Zunahme fest. So stiegen der Heroin-Anbau in Afghanistan und die Kokain-Produktion in Kolumbinen jährlich um 30 bis 40 Prozent. Auch die Produktion der synthetischen Drogen nehme stark zu.



Der stellvertretende Europol-Chef warnte ausdrücklich vor einer Bagatellisierung von Drogen. „Hier geht es nicht um eine Pille, die man mal auf einer Party schluckt“, warnte der Niederländer. „Jedes Jahr gibt es in Europa etwa 9000 Drogentote.“

Die „zerstörerischen Folgen“ zeigten sich immer mehr auch im alltäglichen Leben vieler Bürger: Bürgermeister würden unter Druck gesetzt, kommunale Verwaltungen untergraben. Gefährlicher chemischer Abfall werde immer häufiger in Wohn- oder Naturgebieten entsorgt. Zusätzlich gebe es auch mehr offene Schießereien, wie Europol feststellt.

Der Kampf gegen die Drogen war wegen der Terror-Gefahr und der Bekämpfung des Menschenhandels in den vergangenen Jahren in den Hintergrund geraten. Europol plädiert nun für eine Intensivierung der Ermittlungen. Dabei gehe es nicht nur um mehr Geld, sagte der Europol-Direktor.

Die Zusammenarbeit auch mit der Privatwirtschaft in Europa müsse intensiviert werden. So hoffen die Ermittler, durch eine Kooperation mit Banken bei der Fahndung nach den Gewinnen die Drahtzieher der Netzwerke aufzuspüren. Bislang war das Abschöpfen der Vermögen noch wenig erfolgreich. Von den rund 110 Milliarden Euro, die Kriminelle in Europa schätzungsweise im Jahr verdienen, konnten bisher nur etwa ein Prozent im Jahr beschlagnahmt werden.