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Rüstung
Neue Atomwaffen sind nicht ausgeschlossen

 Reichweite des russischen Marschflugkörpers 9M729
Reichweite des russischen Marschflugkörpers 9M729 FOTO: SZ / Müller, Astrid
Brüssel. Kehrt das Schreckgespenst des Nuklearkriegs nach Europa zurück? Die Nato-Staaten bereiten sich auf eine Welt ohne Abrüstungsvertrag vor. Von Ansgar Haase

Die Verteidigungsminister der Nato-Staaten haben gestern erstmals über Konsequenzen aus der Auflösung des INF-Vertrages über das Verbot landgestützter atomarer Mittelstreckenwaffen beraten. Kann ein neues Wettrüsten noch verhindert werden? Was wir wissen und was wir nicht wissen im Überblick:

Die Vorwürfe der USA gegen Russland:



Nach US-Geheimdienstinformationen begann Russland bereits Mitte des vergangenen Jahrzehnts mit der Entwicklung von neuen Marschflugkörpern mit einer Reichweite von mehr als 2000 Kilometern. Erste Tests der sogenannten 9M729 (Nato-Code: SSC-8) erfolgten demnach wenige Jahre später, ein komplettes Flugerprobungsprogramm war bis 2015 abgeschlossen. Um zu verschleiern, dass die 9M729 gegen den INF-Vertrag verstoße, soll Russland die Möglichkeit genutzt haben, dass Schiffe und Flugzeuge mit Marschflugkörpersystemen ausgestattet werden dürfen, die mehr als 500 Kilometer weit fliegen können. So soll die 9M729 deswegen nur von festen Abschussvorrichtungen längere Flüge absolviert haben. Von mobilen bodengestützten Anlagen, die unter den INF-Vertrag fallen, wurde die Rakete nach US-Angaben dann nur auf Flügen mit einer Länge von unter 500 Kilometern getestet. US-Geheimdienstdirektor Daniel Coats bekräftigte, dass die 9M729 nicht nur mit konventionellen, sondern auch mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden könnten. Die Reichweite wird mit bis zu 2600 Kilometern angegeben – sie liegt damit deutlich über der INF-Begrenzung von 500 Kilometern.

Die aktuelle Bedrohungslage:

In der Nato wird davon ausgegangen, dass mittlerweile mindestens drei russische Bataillone sowie ein Ausbildungsverband mit 9M729-Systemen ausgestattet sind. Gefährlich sind die Waffen, weil sie sich nicht so leicht wie Schiffe und Flugzeuge überwachen lassen und weil sie in fast ganz Europa Hauptstädte sowie zivile und militärische Infrastruktur mit geringer oder ohne Vorwarnzeit treffen können. Wenn Russland solche Waffen besitzt, Nato-Staaten aber nicht, droht ein strategisches Ungleichgewicht zu entstehen, das in Krisensituationen von Moskau ausgenutzt werden könnte. Das ist ein Grund, warum die USA den INF-Vertrag Anfang des Monats mit Rückendeckung der Nato-Partner gekündigt haben – nachdem sie Russland zuvor erfolglos aufgefordert hatten, alle 9M729 umgehend zu vernichten. „Das System stellt eine signifikante Gefahr für unsere Sicherheit dar“, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg gestern.

Wie die USA und die Nato-Partner jetzt reagieren könnten:

Die USA haben bereits angekündigt, in Reaktion auf die Aufrüstung Russlands selbst ein mobiles bodengestütztes Mittelstreckensystem zu bauen. Dieses soll nach derzeitiger Planung ausschließlich konventionelle – das heißt nicht-atomare – Sprengköpfe transportieren. Ob es dabei bleibt, ist allerdings völlig unklar. Militärexperten weisen darauf hin, dass sich solche Planungen schnell ändern ließen und dass die Nato frühestens im Sommer gemeinsame Aufrüstungsentscheidungen treffen werde. Bis dahin könnten zum Beispiel seegestützte Raketen für zusätzliche Abschreckung Russlands sorgen.

Russische Vorwürfe gegen die USA:

In Moskau werden die Vorwürfe der USA als haltlos bezeichnet und Gegenvorwürfe erhoben. Letztere beziehen sich vor allem auf das US-Raketenabwehrsystem Aegis Ashore, das zu Teilen in Rumänien stationiert ist. Russland behauptet, dass von den dortigen Abschussanlagen theoretisch nicht nur Abfangraketen, sondern auch offensive, atomar bestückbare Marschflugkörper wie die Tomahawk abgefeuert werden könnten. Weitere Kritikpunkte der Russen beziehen sich auf bewaffnete Drohnen und Tests mit sogenannten Boostern (Hilfsraketen, die zusätzlichen Schub erzeugen)