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Juliane Kokott
Die Juristin, die Europa ihren Stempel aufdrückt

Ob wie hier zum Vortrag an der Saar-Uni oder aus biografischen Gründen: Juliane Kokott, Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof, kommt gerne ins Saarland. Hier lebte sie als Kind.
Ob wie hier zum Vortrag an der Saar-Uni oder aus biografischen Gründen: Juliane Kokott, Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof, kommt gerne ins Saarland. Hier lebte sie als Kind. FOTO: Iris Maria Maurer
Heidelberg/Saarbrücken. Juliane Kokott ist Generalanwältin und sechsfache Mutter. Wie kann das gehen? Hier verrät sie, was sie als Kind so alles gelernt hat. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Kein Weg ist zu kurz, um ihn nicht fürs Arbeiten zu nutzen. Bleischwer ist ihre Computertasche, doch sie musste mit in den Zug, von ihrem Wohnort Heidelberg bis nach Saarbrücken, zum Vortrag an der Saar-Universität. Professor Dr. Dr. Juliane Kokott (61), eine der mächtigsten Juristinnen Deutschlands, die für den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg mit ihren Gutachten (Schlussanträgen) Grundsatzentscheidungen vorbereitet, nahm die Einladung zur Absolventen- und Promotionsfeier der Juristischen Fakultät außerordentlich gerne an. Nicht nur weil sie Saarland-Botschafterin ist oder danach noch eine Jugendfreundin besuchen konnte, die Saarbrücker Künstlerin Mane Hellenthal. Sondern weil Kokott sich einer Universität mit Europaschwerpunkt aus tiefer Überzeugung verpflichtet fühlt – wie auch aus biografischen Gründen.

Der Direktor des rechtswissenschaftlichen Europa-Instituts, Professor Bernhard Aubin (1913-2005), sei einst bei ihnen zu Hause in St. Ingbert ein- und ausgegangen, erwähnt Kokott in ihrer Rede. Danach, im Interview, lobt sie zudem die Schulausbildung im Saarland: Französisch als erste Fremdsprache habe ihr den Start in die internationale Karriere erleichtert. Die Amtssprache am EuGH sei ebenfalls Französisch. Dass sie noch fünf weitere beherrscht, sagt sie nicht. Sie mag es einfach nicht, eitel zu erscheinen. Understatement scheint ein Markenzeichen: leise Stimme, ruhige Gestik, unauffälliges Make-up. Und mit dem Image der knallharten Karrierefrau tut sie sich ebenfalls schwer.

Kokotts Eltern waren Ost-Vertriebene. Ihr Vater, Jurist, bewarb sich 1960 in St. Ingbert als Bürgermeister, die Familie blieb bis 1970. Kokott entpuppte sich schon damals als hochbegabtes Kind, schrieb „Dr. jur.“ als Berufswunsch auf ihren Notizblock. „Meine Eltern waren nicht ehrgeizig für mich. Sie haben mir aber die Gewissheit vermittelt, dass ich alles schaffe“, sagt sie. Was für ein reiches Erbe. Kokott legte eine Bilderbuch-Karriere hin: Stipendiatin des DAAD, Promotion an der Harvard University, in Cambridge, später Professorin in Heidelberg, Augsburg, Düsseldorf und St. Gallen. Forschungsschwerpunkte unter anderem: Völkerrecht, Verfassungsrechtsvergleichung, Religionsfreiheit, internationales Steuerrecht. 2003 wurde Kokott von der damaligen Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) zur Generalanwältin berufen. Inzwischen befindet sie sich in der dritten Amtszeit. Die endet 2021. Allerdings nicht, wenn es nach Kokott geht. Sie will weitermachen. Denn Arbeit ist nicht das halbe, es ist das ganze Leben: „Man muss sich abrackern wollen, aber das fällt leicht, wenn es Spaß macht“, sagt sie. Hobbies? Wann denn? Keine. Eine Work-Life-Balance kennt Kokott nicht, nur eine Work-Work-Balance, was ihr auch heute noch keinerlei schlechtes Gewissen macht. Vorwürfe der Kinder habe sie nicht gehört, sagt sie.



Montags bis donnerstags ist ein 16-Stunden-Arbeitstag ihre Norm, war es immer schon, wie man in vielen Presseberichten nachlesen kann. Denn spätestens seit Kokott im Jahr 2004, mit 47 Jahren, ihr sechstes Kind bekam, wurde sie zur Super- und Powerfrau erkoren, der man „Kind-und-Karriere“-Zaubersprüche entlocken wollte. Doch Hokuspokus war da nicht im Spiel, sondern viele Kinderbetreuerinnen und ein eiserner Organisationswillen. Denn auch Kokotts Mann, ein Steuerrechtsanwalt, steckte nicht zurück. Kokott sagt: „Ich wollte immer beides, Familie und Beruf.“ Klappt das?, fragte sie sich aber nie. Der Grund, warum es dann aber sechs Kinder sein mussten, der findet sich laut Kokott freilich im Saarland. Eine ihrer besten Freundinnen hatte sieben Geschwister: Kokott: „Dort war mehr los als bei uns zu Hause, das hat mir gefallen.“

Kokott spricht sehr offen und ganz unprotokollarisch über alles Private und ausgesprochen lebensnah über alles Juristische. Etwa über das von ihr vorbereitete Kopftuch-Urteil, das es einer Sicherheitsfirma erlaubte, einer Muslimin zu kündigen. Oder sie erklärt den aktuellen Justizkonflikt mit Polen, wo massenweise Richter entlassen wurden. Dürfen Dealer dann noch dorthin abgeschoben werden, wenn man das Land nicht mehr als Rechtsstaat erachtet? „Allen noch im Amt verbliebenen polnischen Kollegen zu misstrauen, wäre heikel“, sagt Kokott.

Für sie ist Europa ganz und gar nichts Abstraktes, auch kein bürokratisches Monster, sondern eine „Werkstatt der Integration“, so der Titel ihres Saarbrücker Vortrags. Wobei sie Deutschland als dominant erlebt: „Europa ist im großen Maße Deutschland“, sagt sie und nennt als Beispiel dafür das Glühbirnen-Verbot und die Datenschutzverordnung. Viele Staaten folgten der deutschen Marschroute, meint sie. Deshalb müsse man „vorsichtig“ mit den anderen Staaten umgehen und dürfe nicht zu „imperial“ auftreten.

Warum hat Kokott nicht in Saarbrücken studiert? Als „brave Tochter“ habe sie zu Beginn des Studiums bei den Eltern in Bonn gewohnt, erzählt sie. Das Saarland behielt sie als „große weite Welt“ in Erinnerung, wo Frauen nach Paris zum Einkaufen fuhren und wo man Champagner trank. Dass die Saarländer sich heute mitunter abgehängt fühlen, kann Kokott nicht recht nachvollziehen. Schließlich spielten sie mit Heiko Maas (SPD), Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Peter Altmaier (CDU) doch ganz oben mit.

Freilich ist das Image von Bundesländern in der Luxemburger „Grande Salle des délibérés“ auch kein Thema. Dort sitzen jeden Dienstagabend 28 Richter und elf Generalanwälte und bemühen sich, die aktuellen politischen Befindlichkeiten, die Rechtskulturen und -systeme aller Mitgliedsländer so auszutarieren, dass eine einheitliche europäische Rechtsprechung möglich wird. Das „Saarvoir vivre“ ist dann weit weg. Genussfreudigkeit bringt man mit dieser zarten Frau auch nicht in Verbindung. Doch Kokott, die selten, aber nur Gutes isst, trägt es, wie sie sagt, in den Genen. Sie schätzt es, aber sie vermisst es nicht.

Bundeskanzler Konrad Adenauer (rechts) besuchte 1961 St. Ingbert. Juliane Kokott war als Tochter des Bürgermeisters dabei.
Bundeskanzler Konrad Adenauer (rechts) besuchte 1961 St. Ingbert. Juliane Kokott war als Tochter des Bürgermeisters dabei. FOTO: SZ/Kokott