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Frauentag in der Bundeshauptstadt
Ein Feiertag, den so eigentlich niemand wirklich wollte

 Der Weltfrauentag wurde  erstmals am  19. März 1911  auf Anregung der deutschen Sozialdemokratin Clara Zetkin begangen.   Foto: ADN/dpa
Der Weltfrauentag wurde erstmals am 19. März 1911 auf Anregung der deutschen Sozialdemokratin Clara Zetkin begangen. Foto: ADN/dpa FOTO: dpa / ---
Berlin. Arbeitnehmer in Berlin können sich freuen: Die Hauptstadt feiert ab jetzt den „Frauentag“ an jedem 8. März. Zu verdanken haben sie das nicht nur der Politik.

Vor 100 Jahren war er ein Kampftag für das Frauenwahlrecht, in der DDR dann ein Jubeltag, an dem die Männer in den Betrieben ihre Kolleginnen mit Blumen, Speis und Trank verwöhnten. Der inzwischen weitgehend vergessene Internationale Frauentag erlebt jetzt in Berlin eine Wiederauferstehung: Erstmals in einem Bundesland wird er gesetzlicher Feiertag. Am Donnerstag will die rot-rot-grüne Regierungsmehrheit im Abgeordnetenhaus das Gesetz dazu beschließen.

Die Arbeitnehmer freut das natürlich. Warum sich Berlin den neuen Feiertag gönnt, ist indes nicht so recht klar. Offiziell wird der „Nachholbedarf“ ins Feld geführt: Tatsächlich steht der Stadtstaat mit bisher neun Feiertagen am Ende des Ländervergleichs. Bayern hat 13, Baden-Württemberg 12. Doch die Umstände, wie es nun zum 8. März kam, lassen den Schluss zu: Eigentlich wollte niemand in Berlin einen neuen Feiertag – er kommt aber trotzdem. Und „schuld“ daran sind Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg und Bremen. Deren Regierungschefs trafen sich im Februar und verkündeten anschließend, den Reformationstag am 31. Oktober zum Feiertag machen zu wollen. Bis dahin war das nur in den Ost-Ländern außer Berlin der Fall, 2017 war er zum 500. Reformationsgeburtstag einmalig bundesweit begangen worden.

Nach dem Vorstoß aus dem Norden hätten Journalisten bei ihm angerufen, sagt später Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD), und gefragt, wann seine Stadt nachziehe. „Und damit hatten wir die Feiertagsdebatte. Die wollte ich nicht. Die hätten wir aus eigener Kraft glaube ich auch nicht angefangen“, so Müller. „Aber sie war dann auch nicht mehr wegzubekommen.“ Es folgten monatelange Diskussionen.



Die Kirchen plädierten für den Reformationstag am 31. Oktober, die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg schlossen sich an. Der Beauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Tom Sello, warb für den 9. November als Tag des Mauerfalls – als Tag der Pogromnacht 1938 auch in negativer Hinsicht ein historisches Datum. Müller brachte in Erinnerung an die Märzrevolution 1848 den 18. März ins Spiel, Linke-Politiker den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus. Die SPD-Abgeordnete Iris Spranger startete eine Internet-Petition für den 8. März. Grüne schlugen vor, jeder solle seinen eigenen Feiertag wählen können, die CDU jährlich wechselnde Termine.

An Ideen mangelte es also nicht, jedoch an der Umsetzung. Mitte November schließlich platzte der Linken der Kragen. Die Parteispitze legte sich als Signal gegen die „Endlosdiskussion“ überraschend auf den 8. März fest und setzte damit die Koalitionspartner SPD und Grüne unter Druck. Die kamen aus der Nummer nicht mehr heraus – und schlossen sich dem Terminvorschlag an.

Nun also der 8. März als Frauentag. Ein Vorbild auch für andere Bundesländer, glaubt Spranger. „Auch 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts gibt es in Deutschland keine Gleichberechtigung.

Berlins Wirtschaft blickt eher auf den schnöden Mammon und verweist auf praktische Probleme. Ein zusätzlicher Feiertag habe ein Minus beim Bruttoinlandprodukt von 0,3 Prozent zur Folge und koste Berlin 160 Millionen Euro, rechnet die Industrie- und Handelskammer (IHK) vor. „Ein ökonomisches Eigentor.“ Probleme bereite Unternehmen auch die kurze Frist zwischen Gesetzesbeschluss und Feiertag, weil Firmen ad hoc Lieferketten, Arbeitsprozesse und Dienstpläne ändern und anpassen müssen. Für bis zu 180 000 Berliner, die nach Brandenburg pendeln und am 8. März – einem Freitag – nicht frei haben, könnte der „Inseltermin“ schwierig werden: Sie müssen wegen geschlossener Kitas und Schulen etwa eine Kinderbetreuung organisieren.