| 23:17 Uhr

Verrohung der Sprache
Die Grenzen des Sagbaren

Wer spricht, der handelt. Deshalb steckt in unserer Sprache ein enormes Gewaltpotenzial. Ein Wort kann schmerzen wie ein Schlag ins Gesicht. Das weiß jedes Kind. Aus der Geschichte wissen wir: Macht geht auch von der Sprache aus. Von Tobias Fuchs

Sie kann ein Mittel der Herrschaft sein – und der Unterdrückung. Diese Erkenntnis hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einem erhöhten Schmerzempfinden im Umgang mit Worten geführt.

Heute wird diese Sensibilität gerne als Politische Korrektheit verspottet, von Innenminister Horst Seehofer gar als Zwang empfunden. Seehofer warf Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle vor, sich als „Sprachpolizei“ über ihn zu erheben. Weil der ihn für seine Rede von der „Herrschaft des Unrechts“ an deutschen Grenzen kritisiert hatte. Auch die Rechtspopulisten von der AfD klagen über ein sprachliches Gewaltmonopol der Überkorrekten. In Wahrheit verschieben sie die Grenzen des Sagbaren – dahin, wo es weh tut. Unser Schmerzempfinden lässt nach. Unsere Sprache droht zu verrohen. Das kann unsere Demokratie gefährden.