| 23:15 Uhr

Interview mit Peter Bofinger
„Die Eskalation ist erst einmal gestoppt“

Peter Bofinger, Ökonomie-Professor und einer der fünf Wirtschaftsweisen.
Peter Bofinger, Ökonomie-Professor und einer der fünf Wirtschaftsweisen. FOTO: dpa / Michael Kappeler
Berlin. Der Wirtschaftsweise lobt die Abmachungen zwischen EU-Kommissionschef Juncker und US-Präsident Trump. Beide hätten „eine Menge“ erreicht. Von Stefan Vetter

Für den Wirtschaftsweisen Peter Bofinger ist das Treffen von Washington ein Erfolg. Die Eskalation im drohenden Handelskrieg sei gestoppt. Nun solle keiner nörgeln.

Herr Bofinger, US-Präsident Donald Trump zeigt sich plötzlich versöhnlich. Ist jetzt alles wieder gut zwischen der EU und den USA?

BOFINGER Es ist doch sehr erfreulich, dass Donald Trump, der die EU bis eben noch als Feind betrachtete, jetzt die Freundschaft und Zusammenarbeit mit Europa vorantreiben will. Die Tatsache, dass Trump und Junker vereinbart haben, keine neuen Zölle loszutreten, sondern im Gegenteil Bestehende abzubauen, ist doch ein schöner Erfolg.



Sie trauen Trump?

BOFINGER Ich bin kein Psychologe. Aber fest steht doch, dass die Eskalation erst einmal gestoppt ist und es möglicherweise sogar in die umgekehrte Richtung geht. Daran sollte keiner nörgeln.

Wo sehen Sie nach dem Treffen zwischen Juncker und Trump in Washington ganz konkret einen substanziellen Fortschritt?

BOFINGER Trump hat von seiner Drohung abgelassen, Strafzölle auf europäische Autoimporte zu erheben. Und die EU kann deshalb ihre Pläne in der Schublade lassen, wie sie darauf mit weiteren Gegenzöllen geantwortet hätte. Das ist doch eine ganze Menge.

Also ist der Autostandort Deutschland der eigentliche Gewinner?

BOFINGER In gewisser Weise schon. Wobei die Welt auch bei US-Strafzöllen gegen deutsche Autos nicht untergegangen wäre. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass sich reiche Amerikaner dann keinen Porsche, BMW oder Mercedes mehr gekauft hätten. Diese Kundschaft ist ohnehin weniger preissensibel.

Im Gegenzug will die EU die Einfuhr von Sojabohnen aus den USA deutlich steigern. Ist damit nicht China düpiert, das Strafzölle auf amerikanische Sojabohnen erhebt?

BOFINGER In der Vereinbarung zwischen Trump und Juncker steht auch, dass man gegen unfaire Handelspraktiken anderer Länder vorgehen will. Und was den Protektionismus angeht, da schottet China seinen Markt noch sehr viel stärker ab als die USA. Insofern ist auch diese Vereinbarung gut und richtig.

Trump würde nach eigenem Bekunden gleich alle Zölle zwischen den USA und Europa abschaffen. Kann sich die EU darauf einlassen?

BOFINGER Ja, sicher. Das hat auch schon der Sachverständigenrat vorgeschlagen. Das Problem ist allerdings, dass auch europäische Länder wie Frankreich Angst vor wirtschaftlichen Problemen haben, wenn sie einer Abschaffung aller Zölle zustimmen. Doch anstatt Zölle mit Gegenzöllen zu beantworten, wäre genau das der Königsweg. So war es übrigens auch schon in dem gescheiterten TTIP-Handelsabkommen vorgesehen.

Aber es war doch Trump selbst, der von diesem Freihandels-Abkommen zwischen USA und EU nichts wissen wollte.

BOFINGER Ja, Chaos ist bei dem Mann Prinzip. Aber man muss sehen, dass Zölle auch für die USA von Nachteil sind. Denn nicht nur ausländische Anbieter werden damit belastet. Zölle werden auch überwälzt auf die Preise für heimische Konsumenten und heimische Unternehmen. Mit seiner Zollpolitik hat sich Trump also auch in den USA nicht viele Freunde gemacht. Die Karte, alle Zölle wechselseitig abzuschaffen, hätte man allerdings auch in Brüssel schon offensiver spielen können. Vielleicht wäre uns dann manche Eskalation erspart geblieben.

Das Gespräch führte Stefan Vetter