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Nach Trump-Drohung
Die neue Angst vor einem Atomkrieg

Am 9. August 1945 wurde im japanischen Nagasaki zum zweiten und bislang letzten Mal eine Atombombe in einem Krieg eingesetzt. Bei der Explosion stieg eine 18 000 Meter hohe pilzförmige Rauchwolke auf.
Am 9. August 1945 wurde im japanischen Nagasaki zum zweiten und bislang letzten Mal eine Atombombe in einem Krieg eingesetzt. Bei der Explosion stieg eine 18 000 Meter hohe pilzförmige Rauchwolke auf. FOTO: dpa / Dana
Berlin. Zwar ist die weltweite Zahl der Nuklearwaffen seit dem Kalten Krieg gesunken. Potenzielle Konfliktherde nehmen jedoch zu. Von Michael Fischer und Andreas Landwehr, dpa

Im Kalten Krieg war die Gefahr eines Atomkriegs zwar sehr real, aber auch übersichtlich. Es gab zwei Machtblöcke, die jeweils so viele Atomwaffen besaßen, dass ein Angriff ohne einen verheerenden Gegenschlag des anderen unmöglich war. Nukleare Abschreckung nannte man das – ein Prinzip, das zwischen der Nato und Russland bis heute gilt. Seit dem Ende des Kalten Krieges ist die Zahl der Atomwaffen von 70 000 auf deutlich unter 15 000 geschrumpft. Gleichzeitig haben allerdings die potenziellen Konfliktherde für einen Atomkrieg zugenommen. Das größte Problem ist aber: Die Verlässlichkeit in der internationalen Politik und damit auch zwischen den Atommächten hat dramatisch abgenommen, seit Donald Trump vor knapp zwei Jahren ins Weiße Haus eingezogen ist.

Der US-Präsident hat den Ausstieg aus gleich zwei Abkommen erklärt, die einem neuen atomaren Wettrüsten entgegenwirken sollen. Nach Ansicht von Experten ist die atomare Bedrohung damit heute wieder so groß wie zur Zeit des Kalten Krieges. Derzeit gibt es gleich eine ganze Reihe von Gefahrenherden auf der Welt:

Da wäre die jüngste Ankündigung von Trump, den INF-Vertrag mit Russland zu beenden. Die USA werfen Moskau seit mehr als drei Jahren offen Vertragsbruch vor. Ihrer Einschätzung nach entwickeln und erproben die russischen Streitkräfte eine neue landgestützte Mittelstreckenrakete. Russland wirft den USA im Gegenzug vor, den Vertrag mit der Errichtung einer Raketenabwehrstation der Nato in Rumänien verletzt zu haben. Vertragsunterzeichner und Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow prophezeite bereits im vergangenen Jahr dramatische Auswirkungen für den Fall einer Aufkündigung des Vertrages: „Wenn das System der Atomwaffenbegrenzung zusammenbräche (...), wären die Folgen katastrophal.“ Der Vertrag gilt als Basis einer 30-jährigen Phase atomarer Abrüstung. Die Aufkündigung könnte die Wende zu einem neuen Wettrüsten in Europa bedeuten.



Und auch darüber hinaus: Denn der geplante Rückzug der USA aus dem INF-Abrüstungsabkommen hat mindestens so viel mit China zu tun wie mit Russland. Nach US-Angaben hat Chinas Volksbefreiungsarmee das weltweit größte Arsenal von mehr als 2000 ballistischen Raketen und Marschflugkörpern. Davon würden 95 Prozent unter das Abkommen fallen, wenn China Vertragspartner wäre. Die Atommacht im fernen Osten ist mit rund 280 nuklearen Sprengköpfen zwar klein im Vergleich zu den USA mit 6450. Aber es geht den Vereinigten Staaten genauso um konventionelle Schlagkraft. Denn die Raketen können China im Kriegsfall dazu dienen, die US-Streitkräfte im Pazifik zu stören. Die USA können den chinesischen Waffen bereits jetzt Raketen auf Schiffen oder an Flugzeugen entgegensetzen, die nicht vom INF-Vertrag betroffen sind. Aber Experten denken daran, sich von den Beschränkungen des Abkommens zu befreien, um Mittelstreckenraketen auf der US-Pazifik-Insel Guam oder im Norden Australiens zu stationieren und damit auf China zu zielen.

Einen neuen Abrüstungsvertrag mit China und Russland gemeinsam zu verhandeln, wie Trump vorgeschlagen hat, halten Diplomaten für illusorisch. China argumentiert, dass die Mittelstreckenraketen dazu dienen, seine mehr als 20 000 Kilometer langen Grenzen zu schützen.

Dabei geht es auch um andere Länder – allen voran den Rivalen Indien. Das Land ist seit Jahrzehnten Atommacht, galt aber lange als Verfechter nuklearer Abrüstung. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre vollzog Indien eine Kehrtwende und testete 1998 erstmals wieder Atomwaffen. Das Nukleararsenal dient vor allem der Abschreckung Pakistans. Der Konflikt zwischen den beiden Ländern führte seit 1947 zu vier Kriegen. Beide verfügen über etwa gleich viele Atomwaffen. Das Friedensforschungsinstitut Sipri schätzt die Zahl auf jeweils 130 bis 150.

Ein weiterer Gefahrenherd befindet sich im Nahen Osten: Im Mai schockte Trump die Welt bereits mit seinem Ausstieg aus dem Atomabkommen mit dem Iran. 2015 hatten sich darin die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats und Deutschland verpflichtet, Sanktionen gegen die Islamische Republik aufzuheben, um die Entwicklung einer iranischen Atombombe zu verhindern. Mit dem Ausstieg der USA ist die Vereinbarung stark ins Wanken geraten. Die Europäer versuchen zwar noch, sie zu retten – die Chancen stehen aber nicht besonders gut. Platzt das Abkommen, könnte das zu einem atomaren Rüstungswettlauf im Nahen Osten führen. Auch Saudi-Arabien könnte dann nach der Atombombe greifen. Und in Israel lagern laut Sipri bereits jetzt 80 Nuklearwaffen.

Und schließlich Nordkorea: Der stalinistische Staat besitzt ebenfalls Mittel- und Langstreckenraketen, die vermutlich auch mit Atomsprengköpfen bewaffnet werden könnten. Das Land soll zwischen zehn und 20 nukleare Sprengköpfe besitzen. Vielleicht weil Machthaber Kim Jong Un seine Kapazitäten ausreichend unter Beweis gestellt hat und die massiven internationalen Sanktionen weh tun, verfolgt der Machthaber seit Jahresanfang überraschend eine Annäherung an Südkorea und die USA. Doch wann und wie abgerüstet werden kann, ist völlig offen.

US-Präsident Donald Trump will nach dem Atomabkommen mit dem Iran auch einen Abrüstungsvertrag mit Russland kündigen.
US-Präsident Donald Trump will nach dem Atomabkommen mit dem Iran auch einen Abrüstungsvertrag mit Russland kündigen. FOTO: dpa / Susan Walsh