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Debatte über die Freigabe von Cannabis
Die deutsche Angst vor dem legalen Joint

Nicht nur die Parteienlandschaft ist in Deutschland gespalten: Viele lehnen eine Cannabis-Freigabe wie in Kanada ab.
Nicht nur die Parteienlandschaft ist in Deutschland gespalten: Viele lehnen eine Cannabis-Freigabe wie in Kanada ab. FOTO: eyegelb/ Fotolia / Sebastian Gelbke
Saarbrücken/Berlin. Als zweites Land der Welt hat Kanada am Mittwoch den Cannabis-Konsum legalisiert. In Deutschland befürchtet man nun einen Sogeffekt. Von Fatima Abbas

Josef Mischo ist besorgt. Er warnt vor „hirnstrukturellen Veränderungen“ und „psychotischen Störungen“, vor deutlich mehr Verkehrstoten. „Durch eine Legalisierung von Cannabis werden die gesundheitlichen Gefahren des Cannabiskonsums verharmlost“, sagt der saarländische Ärztekammer-Chef. Auch als Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Sucht und Drogen lehnt Mischo eine Cannabis-Freigabe strikt ab. Nach Einschätzung seiner Kammer hätte die Legalisierung eine Zunahme der Konsumentenzahlen zur Folge – und damit unter anderem eine Zunahme von Gedächtnisstörungen und Aufmerksamkeitsproblemen.

Der Appell der Ärzteschaft kommt nicht von ungefähr. Mit Kanada hat am Mittwoch das zweite Land der Welt nach Uruguay den Verkauf von Cannabis vollständig legalisiert. In Deutschland befürchten Legalisierungsgegner nun einen Sogeffekt. Die Mediziner berufen sich auf Studien, wonach verstärkter Cannabis-Konsum die „Entwicklung eines Abhängigkeitssyndroms“ erhöhen kann.

Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, kritisiert die Entscheidung Kanadas. Statt über „freies Kiffen für alle“ zu diskutieren, müsse man sich mehr mit den gesundheitlichen Folgen des Drogenkonsums auseinandersetzen, sagte sie gestern bei der Vorstellung des Drogen- und Suchtberichts 2018 in Berlin. Das heutige Cannabis habe nichts mehr zu tun mit dem vor 20 Jahren. Es sei viel stärker.



Laut Mortler steigt der Konsum von Cannabis bei jungen Menschen seit 2011 leicht an. So hätten zuletzt knapp sieben Prozent der Jugendlichen und knapp 19 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren in Umfragen angegeben, in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert zu haben. Rund 1,5 Prozent der Jugendlichen und mehr als fünf Prozent der jungen Erwachsenen bekannten sich laut Bericht zum regelmäßigen Konsum.

Der Bericht verweist auch auf den steigenden Gehalt des Cannabis-Wirkstoffs THC: Demnach lag der Medianwert für Haschisch – für das gepresste Harz der Hanf-Pflanze – 1996 noch bei knapp fünf Prozent. 2017 lag er bei knapp 15 Prozent.

Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) bekräftigte gestern ihre Ablehnung. „Fällt ein Verbot, wird damit gleichzeitig suggeriert, dass etwas ja gar nicht so gefährlich ist, wie immer behauptet wurde“, erklärte der GdP-Bundesvorsitzende Oliver Malchow. Auch sei es ein Irrglaube, dass die Legalisierung eines verbotenen Stoffes die damit in Verbindung stehende Kriminalität reduziere.

Darüber entbrannten Anfang des Jahres auch im Saarland heftige Diskussionen. Anfang Februar hatte sich der Bund deutscher Kriminalbeamter für eine Legalisierung ausgesprochen – worauf heftiger Widerstand folgte. „Ich lehne eine unkontrollierte Freigabe ab“, machte der Drogenbeauftragte der Landesregierung, Stephan Kolling, schon damals deutlich. Eine Haltung, die er gestern auf SZ-Anfrage erneut bekräftigte.

Eines ist sicher: Eine Legalisierung würde sich massiv auf die Arbeit der Polizei auswirken. Die Zahl der Rauschgiftdelikte stieg im Saarland im vergangenen Jahr auf 3455 (2016:2864), ein Zuwachs von 20,6 Prozent. Die Zahl des sichergestellten Cannabis ging dagegen zurück. Während die saarländische Polizei 2016 noch 18,16 Kilogramm Haschisch und 1653 Cannabispflanzen konfisziert hatte, waren es im vergangenen Jahr nur noch 6,46 Kilogramm und 460 Pflanzen.

Werden sich die Beamten hierzulande künftig das Einkassieren von Cannabis-Pflanzen sparen können? Die Grünen fordern jedenfalls seit geraumer Zeit ein Ende der „Bevormundung der Bürger“. Grünen-Politiker Cem Özdemir sprach von „schwarz-roter Verbotspolitik“, während der Schwarzmarkt blühe. Auch die Liberalen wären für eine Legalisierung. Ihre Auffassung: Ein kontrollierter Verkauf in lizensierten Geschäften oder Apotheken würde Konsumenten vor einem Erstkontakt mit harten Drogen schützen. Schwarzmarkt-Dealer fragten nicht nach dem Alter ihrer Kunden, erklärte die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

Kanada ist in dieser Hinsicht seit Mittwoch einen Schritt weiter. Kanadischen Staatsbürgern ab 18 Jahren – in manchen Bundesstaaten liegt die Altersgrenze bei 19 Jahren – ist es künftig erlaubt, per Bestellung oder in autorisierten Geschäften Haschisch zu kaufen. Der persönliche Besitz ist auf 30 Gramm beschränkt.