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Shopping der Zukunft
Online boomt — und der Handel bangt

Online-Handel in Deutschland
Online-Handel in Deutschland FOTO: SZ / Müller, Astrid
Düsseldorf/Saarbrücken. Immer mehr Deutsche kaufen ihre Weihnachtsgeschenke im Internet. Das erfreut nicht jeden. Auch in der Region macht man sich Gedanken. Von Fatima Abbas

Nein, entspannt ist er nicht. Eher gespannt. Und zwar darauf, was die Zukunft dem Einzelhandel bescheren wird. „Wir können uns nicht zurücklehnen. Wir sitzen im großen Ruderboot, und jede Seite muss mitziehen“, sagt Michael Genth, Vorsitzender des Saarbrücker Vereins für Handel und Gewerbe. Die Ruderboot-Insassen, die er meint, sind nicht nur die Händler. Es sind die Eigentümer, die Läden vermieten. Die Gastronomen, die Einkaufswillige zwischen Schuhladen und Drogerie bewirten. Alle müssen laut Genth an einem Strang ziehen, damit es auch künftig volle Einkaufsstraßen geben kann. Derzeit erstrahlen sie im Glanz zahlloser Lichterketten, sorgen für eine wohlige Weihnachtsatmosphäre. Doch hinter den Kulissen ist die Stimmung oft alles andere als festlich. Gerade bei kleineren Geschäften geht die Angst um, durch den Siegeszug des Onlinehandels unter die Räder zu kommen.

Dabei rechnet der Einzelhandel in diesem Jahr zum Fest der Liebe erstmals mit Rekordumsätzen von mehr als 100 Milliarden Euro. Doch nicht alle Händler werden davon profitieren. Denn ein zunehmender Teil des Geldes landet in den Kassen von Onlineshops. Die Umsätze im Onlinehandel werden im November und Dezember nach Schätzungen des Handelsverbandes Deutschland um knapp zehn Prozent auf über 13 Milliarden Euro wachsen, die Umsätze im stationären Geschäft nur um ein Prozent auf knapp 87 Milliarden Euro. Abzüglich der Inflation würde dies für den stationären Handel sogar einen leichten Rückgang bedeuten.

„Die großen Online-Anbieter bauen ihre Marktmacht kontinuierlich aus und können sich ein immer größeres Stück vom Kuchen sichern“, sagt Handelsexperte Thomas Harms vom Wirtschaftsprüfungsunternehmen EY. Bereits gut jeder fünfte Verbraucher kauft nach einer EY-Umfrage seine Weihnachtsgeschenke lieber online. Vor einem Jahr war dieser Anteil nur halb so hoch.



Punkten kann der Online-Handel der Umfrage zufolge nicht nur mit der Verfügbarkeit rund um die Uhr, der großen Auswahl und der Möglichkeit, die überfüllten Innenstädte zu meiden. Zusätzlich profitiere der Online-Handel davon, dass die Deutschen inzwischen zu Weihnachten seltener zu traditionellen Geschenken wie Büchern oder Kleidung greifen. „Heute werden immer häufiger besondere Erlebnisse, Veranstaltungsbesuche und Reisen verschenkt“, sagt Harms. Diese Art von Geschenken werde in erster Linie im Internet gekauft.

Nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Deloitte sind die traditionellen Ladengeschäfte jedoch für über zwei Drittel (68 Prozent) der Deutschen nach wie vor die erste Wahl bei der Präsente-Jagd. Ein Befund, den auch Handelsexperte Genth bestätigt. Die Umsatzzahlen fielen immer noch deutlich zugunsten des klassischen Handels aus, das gelte im Saarland genauso wie in anderen Teilen Deutschlands. Shoppen im Netz berge viel mehr Risiken, die Verbraucher hätten es zunehmend mit „Fake-Produkten“, unsicherer Elektronik und belasteter Kleidung zu tun, sagt Genth. Nicht jedes „Megaschnäppchen“ sei auch wirklich ein lohnenswerter Einkauf. 

Das gilt wohl auch in der Fußgängerzone, wo sich mittlerweile Gewinner an Verlierer reihen. Laut einer Branchenumfrage des HDE gehen vor allem größere Unternehmen optimistisch in den Jahresendspurt. Ihr Vorteil: Die meisten von ihnen – wie Media Markt, H&M oder Karstadt – sind inzwischen selbst im Internet mit Online-Shops präsent. Dagegen verfügen kleinere Geschäfte nach wie vor oft über keinen konkurrenzfähigen Internet-Auftritt. Sie rechnen nur mit Umsätzen auf Vorjahresniveau, während die Großen online wie offline abräumen.