| 22:13 Uhr

Abgang von Mesut Özil
„Der Schuss ging nach hinten los“

Der deutsche Sport-Journalist Waldemar Hartmann
Der deutsche Sport-Journalist Waldemar Hartmann FOTO: dpa / Janne Kieselbach
Die Sportreporter-Legende hat kein Verständnis für Mesut Özil. Gleichwohl habe auch DFB-Präsident Reinhard Grindel Fehler gemacht. Von Hagen Strauss

Herr Hartmann, haben Sie Verständnis für Mesut Özil?

HARTMANN Zunächst einmal habe ich kein Verständnis für den Tag seiner Erklärungen. Denn er ist direkt danach mit Arsenal nach Singapur geflogen. Damit entzieht sich Özil allen Rückfragen oder Nachfragen. Das ist feige. Und für einen Großteil seiner Äußerungen habe ich auch kein Verständnis.

Sie kennen Özil. Was ist er für ein Typ?



HARTMANN Ich bin mir sicher, seine Erklärungen sind ihm nicht selbst eingefallen. Das waren seine Berater. Ich verfolge seinen Werdegang schon lange. Er ist kein politischer Mensch, er hat fast nur den Ball im Kopf. Aber er hätte mittlerweile verstehen müssen, ob gewollt oder nicht, dass sein Foto mit Erdogan politisch verstanden worden ist. In der gesamten Diskussion kommt mir übrigens ein Umstand zu kurz: Özil und Jogi Löw haben denselben Berater.

Was wollen Sie damit andeuten? Hat Löw deswegen Özil mit zur WM genommen?

HARTMANN Nein, das will ich damit nicht sagen. Aber: Der Independent hat mal geschrieben, Özil ist der beste Mittelfeldspieler der Welt, wenn du 2:0 führst. Er ist ein exzellenter Fußballer. In großen Spielen sieht man ihn aber seit einigen Jahren nicht mehr brillieren. Deswegen wird Özil auch zum Teil von den Arsenal-Fans verspottet. Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann.

Das ist die sportliche Seite. Politisch steht nun Özils Vorwurf des Rassismus im Raum – speziell gegen den DFB und seinen Präsidenten Reinhard Grindel. Was sagen Sie dazu?

HARTMANN Ich bin mir sicher: Özil und seine Berater haben diesen Vorwurf kalkuliert erhoben. Auch sie haben mitbekommen, dass Rassismus in Deutschland gerade ein hochsensibles Thema ist. Mein Eindruck ist, man wollte sich damit in die Opferrolle begeben. Nur ist dieser Schuss jetzt nach hinten losgegangen.

Schaut man jedoch, wie im Netz über Özil hergezogen wird, kann man durchaus Verständnis für ihn haben.

HARTMANN Das Netz ist für mich ein qualliger Begriff. Was sich dort abspielt, ist überhaupt kein Argument. Wenn irgendwelche 300 Volldeppen sich äußern, ist das angeblich schon das Netz und Volkes Meinung. So ein Quatsch.

Wird es eng für DFB-Präsident Grindel?

HARTMANN Grindel hat elementare Fehler in der Aufarbeitung der Affäre gemacht. Die muss er erklären. Er hat Özil im Regen stehen lassen. Das ist wahr. Auch ist es falsch von Grindel gewesen, vor der WM den Vertrag mit Jogi Löw zu verlängern. Da muss ich doch erst einmal den Verlauf der Veranstaltung abwarten. Ich bin aber keiner, der nach Rücktritten schreit.

Das Gespräch führte
Hagen Strauß.