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Kopftuchstreit
Der Schleier des Anstoßes

Sollten Frauen mit Kopftuch unterrichten? Die Debatte darüber ist vor genau 20 Jahren entbrannt – und bewegt bis heute immer wieder die Republik.
Sollten Frauen mit Kopftuch unterrichten? Die Debatte darüber ist vor genau 20 Jahren entbrannt – und bewegt bis heute immer wieder die Republik. FOTO: Rawpixel.com/ Fotolia / Rawpixel
Stuttgart. Vor 20 Jahren nahm der Streit seinen Lauf: Das Stuttgarter Oberschulamt verweigerte einer Lehrerin mit Kopftuch den Schuldienst. Ihr Kampf ist noch immer nicht beendet — das gilt auch für den der Kopftuchgegner.

Nur selten huscht ein Lächeln über das Gesicht von Fereshta Ludin. Ernst blickt die Frau in die Runde, die zum Symbol des sogenannten Kopftuchstreites wurde. Sie trägt ein cremefarbenes Tuch, das den Kopf, aber nicht den Hals bedeckt. Mit leiser Stimme erzählt sie, wie alles begann: dass sie ihr Referendariat sehr erfolgreich abschloss und ihre Schule sie als Lehrerin übernehmen wollte. Doch dann entschied das Stuttgarter Oberschulamt im Juli 1998, sie wegen ihres Kopftuches nicht in den Schuldienst zu übernehmen.

Die Deutsche afghanischer Herkunft klagte sich durch alle Instanzen. Diese Jahre seien für sie eine schwierige Zeit gewesen, erklärt Ludin. „Weil mein Wohnort bekannt war, gab es Telefonterror, fremde Menschen klingelten an meiner Wohnungstür.“ Sie stockt, Tränen schießen ihr in die Augen. Der Zentralrat der Muslime unterstützte Ludin in dem Rechtsstreit.

Stimmen wie die der damaligen baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan (CDU), das Kopftuch sei ein Symbol für politischen Islamismus, kulturelle Abgrenzung und stehe für eine Geschichte der Unterdrückung, empfand Ludin als stigmatisierend. „Der Staat übernahm den Deutungsanspruch, was das Kopftuch bedeutet“, kritisiert sie. Wie sie selbst dagegen das Kopftuchtragen begründet, lässt sie offen und vage: „Wir können nicht festlegen, wofür es steht, jede von uns würde damit etwas anderes verbinden.“ Sie selbst trage das Kopftuch aus einem religiösen Grund, außerdem gebe es ihr Ruhe, Gelassenheit und Glück.



Im Jahr 2003 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass das Tragen eines Kopftuchs ohne gesetzliche Grundlage nicht verboten werden kann. Damit gewann Ludin den Prozess, aber das Urteil sorgte genau für das Gegenteil von dem, was sie erreichen wollte: In der Folge führten insgesamt acht Bundesländer Verbotsregelungen für Kopftücher bei Lehrerinnen an staatlichen Schulen ein, allen voran Baden-Württemberg. Dass durch ihr Prozessieren anderen muslimischen Glaubensschwestern die Berufsperspektive Lehrerin verbaut wurde, belastete Ludin damals sehr, wie sie in ihrer Autobiografie schreibt. Ihren eigentlichen Sieg trug Ludin davon, als zwölf Jahre später das höchste Gericht in Karlsruhe entschied, dass Kopftuchverbote unter anderem wegen des Rechts auf Religionsfreiheit nicht pauschal gelten dürfen. Seitdem gibt es in vielen Bundesländern einzelne Lehrerinnen, die mit Kopftuch unterrichten. Doch dieses Urteil ist für die Grund- und Hauptschullehrerin noch kein Grund zum Feiern: Noch immer würden viele Menschen Musliminnen als Fremde wahrnehmen, als „die mit dem Kopftuch“, beklagt sie. „Wenn Politiker im Bundestag von ‚Kopftuchmädchen‘ sprechen, fühle ich mich elend.“

Bis heute sorgt das Kopftuch für Konfliktstoff: Im Grundgesetz ist zwar die Religionsfreiheit verankert, zu der das Recht gehört, sich auch religiös kleiden zu können. Zugleich sind der Staat und seine Beamten aber zur religiösen Neutralität verpflichtet. Diese Rechtsgüter müssen Landesregierungen und Gerichte abwägen. Für den Justizbereich haben einige Bundesländer bereits das Tragen von religiösen Symbolen im Gericht untersagt, das Land Nordrhein-Westfalen plant, ähnliche Vorschriften einzuführen.

Seit 20 Jahren lebt Ludin in Berlin, dem einzigen Bundesland, in dem für Frauen mit Kopftuch aufgrund des Neutralitätsgesetzes ein generelles Unterrichtsverbot an staatlichen Schulen gilt. In Berlin-Kreuzberg unterrichtet sie als Grundschullehrerin an einer staatlich anerkannten islamischen Grundschule. Immer wieder überlegt Ludin, wie es wäre, wenn sie damals in Stuttgart übernommen worden wäre. „Mein ganzes Leben wäre völlig anders verlaufen.“