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Fall Daniel B.
Das Grauen hinterm Klinik-Zaun

Völklingen. Der Fall des Völklinger Intensivpflegers zieht weitere Kreise. Während sich die betroffene SHG-Klinik erklären muss, fragen sich Ermittler, ob Daniel B. auch in Hessen gemordet hat. Von Fatima Abbas und Michael Jungmann

Es ist der sogenannte „Worst Case“. Der schlimmste Fall, der in einer Klinik eintreten kann. Das Vertrauen ist erschüttert, es ist der Moment, in dem Patienten panisch bei Angehörigen anrufen und sagen: „Oh Gott, ich habe überlebt.“ So schildert es Professor Franz Lorenz, der von dem besagten „Worst Case“ am Wochenende aus unserer Zeitung erfuhr.

Lorenz bildet an der Quierschieder Berufsakademie für Gesundheit und Soziales junge Leute zu Pflegern aus. Also Menschen wie Daniel B. – der Mann, der mindestens fünf Patienten auf dem Gewissen haben soll. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fünffachen Mordes an der SHG-Klinik in Völklingen. Zwei weitere Patienten sollen nur knapp überlebt haben. In sechs Körpern fanden Gerichtsmediziner Wirkstoffe, die kein Arzt verordnet hatte. Es wäre gut möglich, dass der 27-Jährige auch noch in anderen Kliniken wehrlosen Patienten Notfallmedikamente nur verabreichte, um sich im Anschluss als Reanimationsheld zu gerieren.´Auch die Staatsanwaltschaft in Frankfurt nahm am Montag Ermittlungen auf. Daniel B. hatte dort und in Wiesbaden als Pfleger gearbeitet, bevor er Anfang 2015 nach Völklingen wechselte.

Professor Lorenz blickt zurück ins vergangene Jahr, erinnert sich an entsetzte Gesichter im Hörsaal. Bis zu 20 Stunden hätten sie sich mit dem Serienkiller Niels Högel befasst. Der Fall des Krankenpflegers aus Delmenhorst, der erst im Juni wegen 85-fachen Mordes verurteilt wurde, sucht seinesgleichen in der Geschichte der Bundesrepublik. Demnächst wird Lorenz im Unterricht wohl auch über Daniel B. sprechen müssen. „Sensibilisierung ist Teil der Ausbildung“, sagt er, übt aber gleich Kritik an der „Leistungsverdichtung“, bemüht Zahlen des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung. Demnach fielen seit Mitte der 90er Jahre etwa 50 000 Stellen in der Krankenhauspflege weg. Pfleger würden zu sehr auf Funktionieren getrimmt, das Menschliche bleibe auf der Strecke. Aus seiner Sicht ein perfekter Nährboden für Unaufmerksamkeit und „pathologisches Verhalten“. Einen „König der Reanimation“ könnten Kollegen nur dann entlarven, wenn sie genug Persönlichkeit hätten, um Auffälliges ohne Scheu anzusprechen. Diese Kompetenzen kämen nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Ausbildung der 400 Pflegeazubis im Saarland zu kurz. Die etwa 35 Studenten des Bachelor of Science in Nursing, wie das klinisch ausgerichtete Pflegestudium heißt, hätten etwas mehr Freiräume, um sich nicht nur Faktenwissen anzueignen.



Aber reicht das, um den „Worst Case“ zu verhindern? „Nirgendwo ist das Morden so einfach wie in der Pflege“, sagt ein erschütterter Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Die Einrichtung fordert als Reaktion auf Daniel B. eine Reihe von Maßnahmen – unter anderem eine externe Anlaufstelle für anonyme Hinweisgeber. Lorenz hält das für falsch. Mehr Bürokratie brauche niemand, es sei viel wichtiger, das Personal zu befähigen, Missstände offen anzusprechen. „Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es ohnehin nie.“ Auch dann nicht, wenn künftig flächendeckend nur noch Amtsärzte die Leichenschau übernehmen sollten. Auch das fordern die Patientenschützer. Das Problem: Ohne einen Anfangsverdacht kann auch der beste Amtsarzt keine falschen Medikamente nachweisen.

Der sei im Fall Daniel B. nicht vorhanden gewesen, erklärte die SHG- Klinik Völklingen in ihrer ersten Stellungnahme am Freitag. Am Montag meldete sie sich erneut zu Wort: der Intensivpfleger, der auf einer Station mit 16 Betten im Dienst war, sei seinen Arbeitskollegen „suspekt“ vorgekommen. Im März 2016 fiel demnach bei einer Kontrolle ein fehlendes Medikament auf. Die Klinik sah davon ab, die Polizei zu informieren, entließ Daniel B. aber kurz darauf wegen „illoyalen Verhaltens“.

Am 1. Mai 2016 ging es für ihn an die Uniklinik in Homburg. Die erhielt aus Völklingen nach Informationen unserer Zeitung keine Warnung. Was beinahe fatale Folgen gehabt hätte: Nach sechs Wochen musste B. wieder gehen, weil er einer Patientin ohne Anordnung Schlafmittel verabreicht hatte. Ein Arzt kam ihm auf die Schliche und verhinderte Schlimmeres. B. erhielt eine Anzeige wegen Körperverletzung. Nur wenige Zeit später, im Juni 2016, tauchte er in der Intensivstation eines Krankenhauses in Saarburg auf und gab sich dort als Homburger Notarzt aus – der Tropfen, der das Fass der Ungereimtheiten zum Überlaufen brachte.

Im Gefängnis landete er schließlich 2018 wegen Betrugs, sitzt in Saarbrücken eine dreijährige Haftstrafe ab. Zu den neuen Vorwürfen schweigt er bislang – während die Ermittlungen im Saarland wie in Hessen auf Hochtouren laufen. Der „Worst Case“, er ist längst nicht ausgestanden.

  Ahmte der Saarländer Daniel B. den Serienmörder Niels Högel (s. Bild) nach?
Ahmte der Saarländer Daniel B. den Serienmörder Niels Högel (s. Bild) nach? FOTO: dpa / Mohssen Assanimoghaddam