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Aus dem Leben eines Gersheimers
Der Bestatter, der auch Schlösser öffnen kann

 Alexander Kempf, Bestattermeister aus Gersheim
Alexander Kempf, Bestattermeister aus Gersheim FOTO: Robby Lorenz
Gersheim. Alexander Kempf (46) aus Gersheim verblüfft durch seine vielseitigen Fähigkeiten: Schreiner, Bestatter, Vorsitzender eines Motorradclubs und Hobby-Schlossöffner. Von Thomas Sponticcia

Er weiß genau, wie wertvoll jede Sekunde im Leben ist. „Leben Sie jetzt, bevor es zu spät ist“, sagt der 46-jährige, verheiratete Vater von zwei Kindern. „Es gibt keinen Grund, auf irgendwas zu warten“, appelliert Alexander Kempf und blickt auf die Gräber rund um ihn herum. Viele, die auf dem Friedhof in Gersheim inmitten des schönen Bliesgaus ihre letzte Ruhe gefunden haben, hat er persönlich gekannt, sie auch auf ihrem letzten Weg begleitet. Kempf, zugleich Schreinermeister und Bestatter, erzählt vom 30-jährigen Landwirt, der ganz plötzlich verstorben ist. „Der hat immer nur gearbeitet. Was hat er eigentlich von seinem Leben gehabt?“, fragt Kempf, der zugleich auch als Vorsitzender im Motorradclub Bliestal Biker EV mit seiner Yamaha FSR 1300 Sporttourer sogar europaweit mit Gleichgesinnten auf Tour geht. Für ihn das pure Leben, der Gegenentwurf zum Tod. Doch selbst im Club holt ihn noch die Begegnung mit dem Tod ein. Er musste auch schon seinen Vorgänger im Amt zum Friedhof tragen. „Samstagabends haben wir noch gemeinsam am Motorrad geschraubt. Am Sonntag war er tot.“

Trotz all solcher Erfahrungen strahlt Alexander Kempf eine, zumindest nach außen gelebte, vollkommene Gelassenheit aus: ob auf dem Friedhof oder auch in seinem Büro. Wer unvorbereitet diesen Raum betritt, ist erst einmal für einen kurzen Moment sprachlos. Neben seinem  Schreibtisch stehen, als ob das selbstverständlich wäre, fünf Särge. Wohl, damit sich ein Angehörige einen ersten Eindruck darüber verschaffen kann, unter welchen Möglichkeiten der Gestorbene seine letzte Reise antreten kann.

Wo mag die Gelassenheit von Kempf wohl herkommen? „Ich habe mit dem Tod meinen Frieden gemacht“, sagt er. Und erzählt von den Eindrücken, wenn er in die Gesichter der Verstorbenen schaut. Er ist davon überzeugt, dass es die  sterbliche Hülle ist, die bleibe. Aber die Seele, die trete eine Reise an, an einen Ort, den der Mensch nicht erfassen kann. „Da kommt noch was“, ist Kempf überzeugt, der von sich sagt: „Mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe.“



Diese Einstellung nimmt man ihm ab, denn Alexander Kempf muss sich seine Gelassenheit noch aus einem anderen Grund bewahren. Er hat ein ganz besonderes Hobby. Dafür benötigt er Ruhe, äußerste Konzentration und höchste Präzision. Sein Hobby teilt er mit Gleichgesinnten aus ganz Europa. Es ist sogar ein anerkannter Sport, in dem regelmäßig internationale Meisterschaften ausgetragen werden.

Kempf ist dazu in der Lage, in kürzester Zeit Türen oder auch Tresorschlösser ohne Schlüssel zu öffnen. Wohl gemerkt: nicht zu knacken und auch nicht professionell. Denn man dürfe dieses Hobby nicht mit dem verwechseln, was professionelle Einbrecher betreiben. „Es geht darum, die Technik zu verstehen. Die Schlösser, die wir dabei bearbeiten, müssen ausgebaut sein“, erzählt er. „Wir knacken keine Schlösser, sondern wollen dazu beitragen, dass sie sicherer werden und professionellen Einbrechern widerstehen. Es ist ein ständiges Hase-Igel-Spiel“, sagt Kempf über seine Erfahrungen. „Ich habe auch schon im Auftrag der Polizei Schlösser geöffnet, weil sie in eine Wohnung mussten um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist.“ Kempf wirkt zudem bei der Kriminalpsychologischen Beratungsstelle für Opferschutz mit, hilft, einen besseren Schutz vor Einbrüchen zu gewährleisten. Er steht auf der Seite derer, die Einbrüche bekämpfen, derer, die ein Höchstmaß an Sicherheit garantieren wollen, um Hausbewohnern die Bekanntschaft mit einem Einbrecher möglichst zu ersparen.

„Lock-Picking“ nennt sich das Hobby, das Alexander Kempf ausübt  und die damit auch verbundenen Meisterschaften. Darunter versteht man die Aufsperrtechnik zum Öffnen von Schließzylindern, ohne einen dafür passenden Schlüssel zu benutzen und ohne das Schloss zu beschädigen. Wie hoch sensibel dieses Thema ist, erkennt man auch daran, dass nicht nur Privatpersonen und Vereine diese ungewöhnliche Tätigkeit betreiben, sondern auch die Polizei und selbst Geheimdienste an den neuesten Erkenntnissen der Schlüsselspezialisten starkes Interesse zeigen. Selbst professionelle, seriöse Schlüsselhersteller schicken einigen der besten Hobby-Schlossöffner regelmäßig vorab neueste Probeserien zu, damit diese in kürzester Zeit testen können, ob sie den neuesten Anforderungen standhalten. Auch Alexander Kempf hat solche Probeserien bekommen. Und musste so manchen Schlüsselhersteller auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Wer an den Meisterschaften zum „Lock-Picking“ teilnehmen möchte, muss sich legitimieren und zuvor auf Herz und Nieren von den Veranstaltern auf seine Seriösität testen lassen. „Langfinger haben hier keine Chance“, versichert Kempf. Wie man zu diesem Hobby kommt? Alexander Kempf lacht herzlich. „Man muss wohl eine Meise haben“, sagt er. Doch dann wird er wieder ernster: „Die Neugier, die Herausforderung hat mich gereizt. Außerdem wollte ich wissen, wie man ein Schloss wieder repariert, wenn es kaputt ist.“ Im Internet hat er schon Ende der Neunziger Jahre  Mitstreiter entdeckt, die sich regelmäßig treffen, fachsimpeln und gemeinsam ihrem Hobby nachgehen. Man findet sie in ganz Europa. „Dieses Hobby pflegen alle möglichen Berufsgruppen, selbst Ärzte und Piloten sind dabei“, erzählt Kempf. Öffentlich will er nur wenig über Details sprechen. Niemand, der dieses Hobby betreibt, wolle Tipps geben, die in unseriöse Hände geraten könnten. Zugleich will Kempf Menschen etwas beruhigen, die Angst vor Einbrechern haben. Vor allem solle man nicht die Details verinnerlichen, die immer in Fernsehkrimis zu sehen sind, wenn Einbrecher zu ihrem Werkzeug greifen und sich an der Haustüre zu schaffen  machen. Das bringe zwar mehr Spannung in den Krimi, enstpreche aber nicht der Realität. In den seltensten Fällen machten sich Einbrecher heute an der Haustüre zu schaffen. Das koste zu viel Zeit. Sie bevorzugten Wege, die sie möglichst der Aufmerksamkeit von Nachbarn entziehen. Deshalb sei wesentlich häufiger zu beobachten, dass Einbrecher versuchen, sich Zutritt über den Balkon an der Hinterfront des Hauses zu verschaffen. Zudem seien Städte beliebter, weil Einbrecher auf die Anonymität setzten, während man auf dem Dorf damit rechnen müsse, beobachtet zu werden.

Nach Ansicht von Kempf   macht besonders häufig Leichtsinn Hausbewohner zu Opfern von Einbrechern. Denn man solle sich sehr genau überlegen, an wen man einen Schlüssel weitergibt. Der Nachbar, den man kennt, und der während des Urlaubs in Abwesenheit nach dem Rechten sieht, sei unverdächtig. Es sei  allerdings entscheidend, ob man demjenigen wirklich trauen kann, dem man einen Schlüssel anvertraut. Denn Schlüssel könne man schnell kopieren. Kempf rät deshalb auch dazu, Schlüssel grundsätzlich nicht offen rumliegen zu lassen. Schon ein schnell geschossenes Foto per Smartphone reiche, um Informationen in falsche Hände gelangen zu lassen.

Eine Möglichkeit, sich deutlich besser zu schützen, sieht Kempf in der Anschaffung von Schlüsseln, zu denen gleichzeitig eine Sicherungskarte mitgeliefert wird. Diese wirkt nach dem Prinzip einer Kreditkarte. Ist ein Profilzylinder und der dazugehörige Schlüssel mit einer Sicherungskarte geschützt, kann eine Schlüsselkopie nur mit gleichzeitiger Vorlage der Sicherungskarte bei zertifizierten Schlüsseldiensten kopiert werden. Absolute Sicherheit gebe es aber nie. Vorsicht sei deshalb nach wie vor die beste Art der Vorbeugung gegen unangenehme Überrraschungen, sagt Kempf, der seine handwerklichen Kenntnisse noch an einer anderen Stelle wirkungsvoll einsetzt: „Ich habe mir gerade einen alten Bestattungswagen gekauft, der ziemlich derangiert ist. Den habe ich komplett auseinandergenommen und restauriere ihn jetzt.“ Alexander Kempf lässt wirklich keinerlei Zweifel aufkommen: das Wort Langeweile kennt dieser Mann nicht.

 Alexander Kempf, Bestattermeister Gersheim
Alexander Kempf, Bestattermeister Gersheim FOTO: Robby Lorenz