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Gemäßgter Demokrat
Adam Schiff wird zentrale Figur des Amtsenthebungsverfahrens

 Der gemäßigte Demokrat Adam Schiff wird zum wichtigsten Gegenspieler Trumps.
Der gemäßigte Demokrat Adam Schiff wird zum wichtigsten Gegenspieler Trumps. FOTO: AP / Susan Walsh
Washington. Von Frank Herrmann

Bei dem Versuch der Demokraten, US-Präsident Donald Trump aus dem Weißen Haus zu entfernen, beginnt nun die öffentliche Phase. Im Geheimdienstausschuss der Abgeordnetenkammer soll es Anhörungen geben, die vor Fernsehpublikum über die Bühne gehen. Damit dürfte sich ein Politiker als zentraler Gegenspieler des Präsidenten profilieren, mit dessen Namen amerikanische Normalverbraucher noch vor drei Jahren so gut wie nichts anzufangen wussten: Adam Schiff, 59, Vertreter eines Wahlkreises im Norden der Megacity Los Angeles.

In gewisser Weise geht es auf einen Zufall zurück. Darauf dass der Whistleblower, der nach einem Telefonat Trumps mit dem ukrainischen Staatschef Wolodimir Selenskij Alarm schlug, bei der CIA beschäftigt war. Folglich landete der Fall vor dem Geheimdienstausschuss – was der Opposition durchaus ins Konzept passte. Denn mit Schiff führt auf absehbare Zeit einer ihrer erfahrensten juristischen Köpfe Regie.

In Berlin war gerade die Mauer gefallen, da hatte sich der junge Berufsanfänger in seinem ersten großen Fall zu beweisen. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Harvard war er von der Staatsanwaltschaft in Los Angeles eingestellt worden. Die wiederum hatte zweimal erfolglos versucht, eine Haftstrafe gegen Richard Miller zu erwirken, einen auf Spionageabwehr spezialisierten FBI-Detektiv, der eine Affäre mit einer aus der Sowjetunion emigrierten Frau begonnen und dem KGB gegen Geld und Gold vertrauliche Dokumente geliefert hatte. 1990 übernahm Schiff den Fall, und Miller wurde schließlich zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.



Später war es das Impeachment-Prozedere gegen den Präsidenten Bill Clinton, das Schiff in die erste Liga der amerikanischen Politik aufrücken ließ. Damals vertrat ein Republikaner namens Jim Rogan jenen Wahldistrikt im Umland von Los Angeles, dessen Wahrzeichen der ikonengleiche Hollywood-Schriftzug in karstiger Hügellandschaft ist. Angestachelt vom Hollywood-Impresario David Geffen, suchten die Demokraten nach einem Kandidaten, der Rogan beim Parlamentsvotum des Jahres 2000 besiegen konnte. Die Wahl fiel auf Schiff, der das Duell für sich entschied und seither ein ums andere Mal wiedergewählt wurde.

Ein unauffälliger, korrekter Volksvertreter mit guten Manieren, „der Typ von Mann, der am Ende eines langen Tages vielleicht seine Krawatte ablegt, aber den Hemdkragen zugeknöpft lässt“: So hat ihn das Magazin „The California Sunday“ einmal in einem epischen Porträt charakterisiert. Die Filmfabriken Hollywoods, schrieb seinerseits der „New Yorker“, würden Schiff, sollte er sich jemals für eine Rolle bewerben, wahrscheinlich die eines Buchhalters anbieten. Der Mann scheine es geradezu zu pflegen, das Image der Unscheinbarkeit. Allein schon  um zu unterstreichen, dass er sich ausschließlich an Fakten hält und alles Dramatische scheut.

Hätte Hillary Clinton im November 2016 die Präsidentschaftswahl gewonnen, wäre Schiff wohl auf einen wichtigen Posten aufgerückt, er wäre vielleicht CIA-Direktor oder Koordinator der Geheimdienste geworden. So aber musste er sich mit einem Posten im „Intelligence Committee“ des Repräsentantenhauses begnügen, protokollarisch die Nummer zwei, politisch machtlos. Solange die Republikaner die Nummer eins stellten, blieb Schiff nur eine bessere Statistenrolle. Das änderte sich, als die Demokratische Partei im November vor einem Jahr die Midterm-Elections gewann und ihm die Leitung des Ausschusses anvertraute.

Spätestens in dem Moment war es vorbei mit der lange gepflegten Unscheinbarkeit. Kurioserweise stempelten die Konservativen gerade ihn, den kühlen Juristen vom gemäßigten Flügel, zur Hassfigur. Als wäre er der Anführer eines Staatsstreichs, unterstellten sie ihm, den Präsidenten mit allen Mitteln, auch undemokratischen, aus dem Amt drängen zu wollen. Trump selbst  fuhr mit der Zeit immer schwereres Geschütz gegen Schiff auf. Nicht nur, dass er ihn via Twitter des Hochverrats bezichtigte, einmal nannte er ihn: Adam Schitt. Was natürlich kein Tippfehler war, sondern Assoziationen an ein bestimmtes Schimpfwort wecken sollte.