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Internet
Das Netz geht in die Knie

 Internet mit Schneckentempo: Darüber klagen viele Menschen, weil Netze überlastet sind.
Internet mit Schneckentempo: Darüber klagen viele Menschen, weil Netze überlastet sind. FOTO: Uwe Zucchi
Mainz. Homeoffice und Unterricht am Computer sorgen für Internetprobleme. Von Bernd Wientjes

Es ist eine Meldung, die derzeit viele Schüler zu Hause auf dem Laptop oder ihrem Smartphone zu lesen bekommen. „Aktuell ist unsere Moodle-Instanz aufgrund vieler neuer Nutzer zeitweise überlastet und reagiert stark verzögert.“

Die Corona-bedingte Schließung der Schulen und damit die Verlagerung des Unterrichts nach Hause stellt derzeit nicht nur Schulen und Lehrer vor Herausforderungen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Übungen, Unterrichtsmaterialien und Hausaufgaben bei den Schülern zu Hause ankommen. Entweder per Mail oder eben auf Lernplattform Moodle, auf der nach eigener Auskunft über 100 000 Bildungseinrichtungen vertreten sind. In Rheinland-Pfalz wird die Plattform vom Pädagogischen Landesinstitut für alle Schulen und Schüler zentral verwaltet. Doch in Zeiten wie diesen kommt das vor der Schulschließung in vielen Schulen kaum genutzte Moodle plötzlich eine zentrale Rolle bei E-Learning (also dem Unterricht am heimischen Computer) zu.

Doch offenbar ist die Plattform für den plötzlichen, massenhaften Zugriff nicht gerüstet. „Wir weisen eindringlich noch einmal daraufhin, dass die Leistungskapazität an Vormittagen eingeschränkter ist als zu den Randzeiten“, heißt es auf der Seite lernenonline.bildung-rp.de



Doch nicht nur Moodle bricht derzeit zusammen. Da viele Arbeitnehmer momentan von zu Hause arbeiten und übers Internet mit ihrem Unternehmen verbunden sind, sind die Netzkapazitäten vielerorts überlastet. Vor allem dort, wo es noch kein schnelles Internet über Glasfaser gibt – wie in weiten Teilen von Rheinland-Pfalz.

Laut Landesregierung verfügt jeder zweite Haushalt in ländlichen Gebieten über vergleichsweise schnelle Internetzugänge mit Bandbreiten von mindestens 50 Megabit pro Sekunde. Das heißt allerdings nicht, dass es in einigen Orten vor allem in der Eifel oder auch im Hunsrück flächendeckend schnelles Internet gibt.

Und genau das führt derzeit wegen stärkerer Nutzung des Netzes zu Problemen. Vor allem wenn in einer Straße gleichzeitig mehrere Haushalte gleichzeitig große Datenmengen übers Internet abrufen oder verschicken wollen, stockt es gewaltig.

Wie hoch das momentane Datenaufkommen ist, zeigt der Blick zum weltweit größten Internetknoten in Frankfurt, wo die Daten verschiedener Netzanbieter ausgetauscht werden. 9,1 Terrabit pro Sekunde beträgt das derzeitige Datenaufkommen – eine noch nie dagewesene Menge. Vor allem durch vermehrte Videokonferenzen, auf die viele Unternehmen aber auch Lehrer nun setzen, ist der Datenfluss in den vergangenen Tagen um 50 Prozent gestiegen.

Der Betreiber des  Internetknotenpunkts DE-CIX sieht jedoch derzeit noch keine Probleme: „Selbst, wenn alle europäischen Firmen ausschließlich im Homeoffice arbeiten und die Spiele der Fußball-Europameisterschaft parallel online gezeigt würden, können wir die notwendigen Bandbreite für reibungslose Verbindungen zur Verfügung stellen.“

Auch die großen Netzanbieter wie Telekom, Telefonica oder Vodafone sehen derzeit keine Überlastung des Internets. Das sieht auch der Branchenverband Bitkom so. Die Anforderungen an die Bandbreite durch Homeoffice-Anwendungen wie etwa E-Mails oder Webkonferenzen seien relativ gering.

„Wenn der Internetanschluss zu Hause für das abendliche Schauen von Serien reicht, können tagsüber auch Videokonferenzen durchgeführt werden“, sagt Nick Kriegeskotte von Bitkom. Trotzdem hat die EU Sorge, dass das Netz der derzeit europaweiten stärkeren Nutzung nicht standhält.

Daher hat sie  Streaming-Anbieter wie Netflix oder Amazon, über die man über Internet Filme und Serien schauen kann, gebeten, ihre Datenmengen um ein Viertel zu drosseln.  Die Unternehmen sind einer möglichen Anweisung der EU oder gar einer zwangsweisen Abschaltung von Netflix & Co. wie sie in der Schweiz droht, zuvorgekommen und haben die Übertragungsqualität ihres Angebots reduziert. Statt hochauflösend werden Filme und Serien nur noch mit geringerer Auflösung übertragen, wodurch sich die Datenmenge im Netz etwas verringert.